Re: Hilfe, mein neuer Nymphie schreit extrem...
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 07. Februar 2000 08:55:51:
Als Antwort auf: Re: Hilfe, mein neuer Nymphie schreit extrem... geschrieben von Claudia C am 03. Februar 2000 21:45:43:
Hallo Claudia,
schön, daß die beiden sich so gut eingelebt haben. Hm, ob er sich an seine Eltern erinnert - ich weiß es ehrlich nicht.
In der Regel haben Nymphen und Wellis ein echtes Kurzzeitgedächtnis, nach zwei Jahren wäre ich also skeptisch. Allerdings habe ich selbst beobachtet, daß mitunter noch nach 1 Jahr bei ganz wichtigen Dingen so eine Art Resterinnerung noch da ist. Beispiel: Vor einiger Zeit hatte ich meine Wellis noch im Dauerfreiflug, weil meine Voliere für die Dauerunterbringung doch nicht geräumig genug war. Eine meiner Wellidamen war so arg in Brutstimmung, daß ich vergeblich wochenlang versuchte, Möbel und andere wichtige Dinge vor ihr sicher zu stellen. Besonders abgesehen hatte sie es auf meinen Futterschrank, eine große IKEA-Kommode mit schweren Schubladen und großen Eingriffslöchern (grins). Das war für sie natürlich ein riesiger Nistkasten, der sie geradezu angrinste und sie versuchte alles, um ihn zu besetzen. Ich verstopfte die Eingänge mit Pappe, Papier - stellte Videohüllen und was mir noch so im die Finger kam, dagegen - es half alles nichts. Mit der unruhigen Energie einer Besessenen zernagte sie jedes Hindernis, um sich durch winzigste Spalten wieder in die Schubladen zu quetschen und darinnen gehörig aufzuräumen. Es half nichts, daß ich ihr längst wieder ihren alten Nistkasten hingehangen hatte, der neue war viel schöner und größer - der mußte es jetzt sein. Ich zog alle Register, hängte ein großes Badetuch vor den Schrank, verstopfte erneut alle Löcher. Die olle Zicke spazierte ahnend auf dem Stoff herum, guckte herunter, aber keine Löcher zu sehen. Schließlich hangelte sie am Handtuch auf und ab und zack, war sie hinter das Handtuch gekrabbelt, schnurstracks zum nächsten Griffloch und nagte sich den Weg frei.
Da blieb nur eine letzte Liste, wollte ich nicht den gesamten Schrank opfern: Ich nahm den Deckel ihres Nistkastens ab, verstopfte das Schlupfloch und setzte ihn so hinter das Griffloch der Schublade, daß die eifrige Henne unwillkürlich durch das Griffloch in ihren alten Kasten hupfte. An den Seiten befestigte ich hohe Bretter, damit sich die olle Zicke nicht doch noch vorbei in die Schublade zwängen konnte. Die List klappte.
Ein Jahr darauf hängte ich das Handtuch vor den Schrank, als sie bereits die zaghaftesten Anzeichen von Brutlust zeigte, also noch bevor sie aktiv auf Nestsuche ging. Das Handtuch war sofort magischer Anziehungspunkt. Unentschlossen krabbelte sie daran herauf und herunter. Man sah ihr förmlich an, daß sie wußte, daß in seiner Nähe irgendetwas Interessantes versteckt sein mußte, aber sie wußte offensichtlich auch nicht mehr recht was und wie und zog sich bald darauf in ihren alten Nistkasten zurück.
Mit dem Erkennen von Verwandtschaftsverhältnissen ist es auch so eine Sache: Ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, daß Mütter und manchmal auch Väter zu ihren Söhnen (zu Töchtern habe ich keine Erfahrungen, ich denke auch, daß hier der Sachverhalt wegen der aufkeimenden Rivalität unter Hennen komplizierter ist) ein besonderes Verhältnis pflegen, wenn sie im Schwarm bleiben. Ich habe auch ein Junges aus gesundheitlichen Gründen für etwa 3 oder auch 4 Wochen vom Schwarm trennen müssen. Er wurde aber anschließend sofort von den Eltern und dem Geschwisterchen begrüßt und zum Mitfliegen animiert. Ein solches Brimborium veranstaltet man nicht für einen Fremden. Also drei-vier Wochen hält das Gedächtnis auf jeden Fall.
Aber auch nachher, nach nun mittlerweile vier (? - müßte ich nachgucken) Jahren erkennt man im Verhalten einen deutlichen Unterschied zu nicht verwandten langjährigen Schwarmkollegen. Der eine Hahn (der damals getrennt wurde) ist wegen einer Behinderung noch nicht verpaart und daher sehr anhänglich an seine Eltern, auch an seine Mutter (wobei dies sicherlich auch leicht hormongesteuert ist..:-)), besonders wenn diese ein Gelege beginnt, weicht er kaum von ihrer Seite und kann sie dabei mächtig nerven. Während sie aber zu anderen hochaggressiv ist, hackt sie ihr Söhnchen nur flüchtig und manchmal, während sie den aufdringlichen Nachwuchs sonst weitgehend toleriert.
So passiert es, daß manchmal drei erwachsene Wellis nebst Eier in einem Nistkasten sitzen, allerdings nur solange, bis der Henne der Kragen platzt und allesamt mit energischen Schnabelhieben hinauswirft.
Dieser Verwandtschaftsbonus hat meinem Quasimodo, so gesehen, auch einmal das Leben gerettet. Als nämlich Tweety in jenem Schrank brütete, wo der Zugang sehr kompliziert war, mußte sich wieder einmal der Kleine, neugierig wie er war, in den Kasten quetschen. Ohne fremde Hilfe war es dem behinderten Vogel aber unmöglich, den Kasten wieder zu verlassen.
Ich bemerkte das Malheur, als ich nachmittags daheim die Vögel zählte und merkte, daß neben meiner Tweety noch der kleine Quasimodo fehlte. Ich zog die Schublade zum Nistkasten auf und sah Tweety auf ihren Eiern hocken und Quasimodo in die vorderste Ecke gequetscht.
Offensichtlich hat die Henne ihn schon vertreiben wollen, hat aber gemerkt, daß der Kleine es nicht hinaus schaffte. Während sie einen fremden Eindringling in vergleichbarer Situation wohl zu Tode gebissen hätte, lies sie von dem Kleinen ab, der sich ganz ruhig in eine Enge zwängte.
Das klingt nun für erfahrene Ohren recht seltsam, ist es auch, aber da kommt noch ein Aspekt dazu: Der jetzige Hahn seiner Mutter ist sein Bruder. Der Vater der beiden war offensichtlich charakterlich nicht ganz "kompatibel" zur Henne und da haben sich nach der Geschlechtsreife der Söhne kurzerhand Henne und Sohn verpaart. Ich denke, daß ist ein wichtiger Grund, warum der Hahn den frechen Eindringling nicht vertreibt (seinen Vater jagt er davon) - Geschwister sind sich auch sehr innig verbunden.
Wer da jetzt denkt, oh Gott, was sind das für Zustände, den kann ich beruhigen. Meine Henne durfte seitdem keine Jungen mehr großziehen. Es wäre, da sie mit dem Sohn zur Hälfte identisches Erbgut haben könnte, zwar keine reine Inzucht, aber auf jeden Fall eine unerwünschte Genverarmung, ließe ich die Zucht zu. Umgedreht möchte ich die absolut harmonische Verbindung der beiden (ich muß sagen, es ist mein harmonischstes Paar überhaupt) nicht gewaltsam auseinanderreißen.
Insofern denke ich, haben wir auf diese Weise einen für alle Seiten akzeptabelen Kompromiß gefunden.
Aber zurück zum Erinnern. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Henne sich nicht wirklich daran erinnert, wer ihre Söhne waren. Lediglich diese Vertrautheit, mit der die drei miteinander umgehen, ist geblieben, ohne daß sie sich der Ursache wirklich bewußt sind. Es ist wie eine tiefe Freundschaft, die geblieben ist.
Daß die Erinnerung nicht so sehr stark ist, zeigt eigentlich das Verhältnis zum Vater: Er wird behandelt wie jeder andere Schwarmkollege, er gilt in Nestnähe und in Nähe der brutlustigen Henne als aufdringlicher Rivale.
Vielleicht ist es so ähnlich bei Deinem Nymphie. Der Sohn hatte schon früher ein sehr enges Verhältnis zum Vater, vielleicht sind die Charaktere auch sehr ähnlich. So hat der Sohn, als er zu Dir zurückkehrte, dieses irgendwie vertraute und sympatische Wesen des Hahnes bemerkt und sich gleich mit ihm angefreundet. So könnte ich mir das vorstellen.
Gruß, Silke.