Re: Der kleine Blaue - wenig Hoffnung
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 02. November 2000 08:29:30:
Als Antwort auf: Der kleine Blaue - wenig Hoffnung geschrieben von Martin am 01. November 2000 18:14:06:
Hallo Martin,
>Wir haben uns daher schon angewöhnt, erst nach dem Kochen zu salzen, damit eine Extraportion für Ihn anfällt. Weiss der Teufel an was er merkt, daß es was für Ihn gibt, da er nur dann in die Küche fliegt.
Er riecht es, glaube mir. Der Kochgeruch von Nudeln und Reis ist gut zu erriechen und Vögel haben eine ähnlich gute Nase wie Menschen...
>Aber: Die wellis haben gottseidank kein Interesse an Menschenfutter und sind mit Körnern, Grünem und wenn Sie sehr hungrig sind auch mit Obst zufrieden. Zuviel davon gibt es auch nicht. Allerdings haben zwei unserer Hennen nicht zu stark ausgeprägte Lipome.
Nicht nur die Zusammensetzung des Futters ist entscheidend, sondern auch die Menge. Gerade Nymphen und Wellensittiche sollten lebenslang auf Diät gehalten werden, also nicht nur in der Zusammensetzung, sondern auch in der Ration. Entgegen sehr vielen Vogelratgebern ist ein ständiges Futterangebot bei ihnen (es gibt Vogelarten, bei denen es anders aussieht) nicht nur nicht nötig, sondern sogar völlig ungesund und gefährlich. Der Organismus dieser Tiere ist so eingestellt, das Futter besonders gut zu verwerten und Nährstoffüberschuß zu speichern, anders könnten sie die langen Dürreperioden in ihrer Heimat gar nicht überleben. Da bilden sich schnell Fettablagerungen und sogar solche Fettgeschwüre, wie Du sie beschreibst. Leider sind diese durch Diät nun nicht mehr wegzubekommen, sondern nur chirurgisch. Ich würde es lassen, wenn die Lipome klein sind und bleiben und wenn sie sich daran nicht verletzen oder sonst irgendwie beeinträchtig werden. Aber über die Futtermenge solltest Du dringend nachdenken, hier besteht m. E. Handlungsbedarf. Du solltest also den Ernährungszustand der Vögel durch Brustbeintest einzeln bestimmen und sie auf Diät setzen. Ein Welli braucht in etwa einen Teelöffel Körnerfutter pro Tag. Diese Menge differiert, je nach Zuchtform, aber auch große Standards benötigen nicht viel mehr. Überprüfe mal selber für Dich, wieviel Futter Du ihnen täglich gibst. Im Forum habe ich in der Vergangenheit zur Diät von Wellis schon sehr, sehr viel geschrieben. Ich möchte es eigentlich nur wiederholen, wenn Du nicht fündig wirst, dann bitte noch mal einen kurzen Hinweis.
>Ein aktueller Zustandsbericht des kleinen Blauen:
>Er scheint nichts mehr zu fressen, das Pulsieren des Unterbauchs wird immer stärker und scheint Ihn auch immer stärker zu beeinträchtigen, der Kot ist sonderbar hellgräulich und sehr feucht, aber noch in "Form". 95% des hellen Tages sitzt er lustlos herum und reagiert eigentlich nur noch auf die anderen, wenn sie Ihn ärgern wollen.Dann wird es Zeit, er quält sich nur noch herum und Hoffnung gibt es m. E. nicht mehr, auch wenn der Tumor oder die Zyste, falls es eine ist, gut operabel wären. In diesem labilen Zustand gebe ich ihm eigentlich kaum Chancen, Narkose und OP zu überstehen. Es tut mir sehr leid.
>Dein Hinweis zu einer OP sehe ich problematisch, da ich ausser der TA Doris Dühr (welche mir recht kompetent vorkommt) niemand kenne (Karlsruhe), der so etwas machen könnte.
Doris Dühr wäre eine gute Adresse, denke ich... In diesem Fall ist es aber auf jeden Fall zu spät, wenn diese Chance bestanden hätte.
> Die TA hat eine OP vor zwei Monaten als nicht unmöglich eingeschätzt, da bei Kleinsittichen nicht so viel zu machen wäre.
Diesen Satz verstehe ich jetzt nicht ganz. Was bedeutet "nicht viel zu machen"? Ich denke, es ist schon sehr problematisch, denn erstens sind viele Vögel, wenn sie dem Arzt vorgestellt werden, in einem sehr angeschlagenen Zustand, zweitens vertragen viele die Narkose überhaupt nicht gut und drittens sind Tumoroperationen - von Hauttumoren einmal abgesehen - oft wenig erfolgreich auf Dauer. Man hat ja keine Möglichkeit, die "Reste" des kranken Gewebes durch BEstrahlung abzutöten, man kann auch nicht großräumig herumschälen und man muß bedenken, daß Tumore sich schnell ausbreiten und lebenswichtige Organe schnell mit betroffen sind - meist fällt der Tumor ja erst auf, wenn das Tier nicht mehr frißt oder eine riesige Beule hat. Dann einen klar von den wichtigen Organen (Leber, Niere, Magen) abgegrenzten Tumor vorzufinden, ist reine Glückssache. Sonst macht die OP überhaupt keinen Sinn, Du kannst ja nicht die Leber einfach mit herausschneiden. Also, wenn Du den Vogel mit Erfolg operiert hast, besteht immer noch das Restrisiko, daß da ein neuer Tumor nachwächst und dann geht das Theater ein paar Monate später wieder los. Es ist fraglich, ob dieses Leben dann für den Vogel überhaupt noch lebenswert ist.
Anders sieht es freilich bei Hauttumoren aus oder eben bei Lipomen, da ist eine Operation immer sinnvoll und da lohnt es sich auch, dem Vogel erst Schmerz zuzufügen, weil man weiß, daß er dadurch noch ein längeres und wieder schönes Leben hat. Ausnahme: Vögel, die alt sind wie Methusalem. Da ist dann auch das Narkoserisiko zu hoch.
>Noch eine Frage: Da die Tiere scheinbar eine Erkrankung aus Überlebensgründen eine Zeitlang recht erfolgreich zu verbergen ververmögen - wie lange kann sich so eine Erkrankung (Tumor, Zyste,..) schon eingeschlichen haben?
Oh, das kann schon sehr, sehr lange sein. Zuerst sind es ja nur einige entartete Zellen. Die müssen auch nicht sofort rasant wachsen, vielleicht warten sie nur auf den günstigen Augenblick, in erster Linie ja auf eine Versorgung mit Nährstoffen, also müssen sie sich die Verbindung zum Blutsystem einrichten und wenn dann die NÄhrstoffe so richtig schön fließen, tut es auf einmal einen Schub und sie wachsen plötzlich rasant los. Im ersten Moment zeigt der Vogel vielleicht ab und zu mal eine kleine Unpäßlichkeit, die man weder deuten noch wirklich beachten kann, weil es ja auch gar nichts zu sagen haben muß. Man erkennt Tumore also wirklich erst, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben. Das hat nichts mit Nachlässigkeit zu tun, das ist einfach so. Erst, wenn sie richtig Beschwerden verursachen, der Vogel also entweder Atemnot, Probleme mit bestimmten Organen, Verdauungsbeschwerden o. ä. bekommt, wird man aufmerksam. WEnn jetzt ganz konsequent und schnell alle möglichen anderen Erkrankungen ausgeschlossen werden oder der Tumor tastbar ist oder/und geröngt wird, hat man dann die Diagnose (die ja gewöhnlich erst mal "Geschwulst" heißt) und dann muß man sofort entscheiden, was man tun will. Und da ist es wichtig, einen kompetenten Arzt zu haben, der einem dabei wirklich helfen kann. Schätzt der Arzt ein, daß eine OP wenig Chancen hat, sollte man das Tier im Schwarm belassen, bis man eben merkt, daß es zunehmend teilnahmslos ist, daß die anderen ihn nicht mehr aufmuntern können und spätestens, wenn sie ihn aufgegeben haben und weitestgehend ignorieren, kann man sicher sein, daß der Vogel nahezu im Sterben liegt.
Allerdings sollte man es so weit nicht kommen lassen. Ich schrieb ja schon, daß der Tumortod an ganz häßlicher Tod ist. Das sollte auch der Trost für Dich sein, wenn Du den Kleinen einschläfern lassen mußt, was einem niemals leicht fällt, ich weiß, daß Du ihm eine ganze Portion Qualen erspart hast und sein Leiden verkürzt. Länger leben hieße da nur, länger zu leiden.
Sei tapfer.
Gruß, Silke.