Re: an Silke wegen Cindy
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 02. November 2000 12:28:28:
Als Antwort auf: an Silke wegen Cindy geschrieben von Petra am 02. November 2000 10:00:02:
Liebe Petra,
ich weiß, es ist schwierig, einen objektiven Eindruck vom Zustand des Vogels zu bekommen. Es gibt aber zwei Dinge, die einem helfen, die richtige Entscheidung zu treffen: Das Verhalten der anderen Vögel zu dem erkrankten und die aktuellen ärztlichen Befunde.
Schwarmvögel verändern ihr Verhalten zu dem Mitglied, das erkrankt ist. Zunächst zeigen sie besondere Anteilnahme und fordern den Kranken immer wieder auf, ihnen zu folgen. Spätestens, wenn dieser abwehrt und das häufiger oder wenn sie es aufgegeben haben, ihn ständig zu animieren und nur noch gelegentlich "ansprechen", ist es eigentlich vorbei, das Tier macht sich zum Sterben bereit.
Martin hat eine sehr präzise und sehr aufschlußreiche Angabe gemacht. Seiner Beobachtung nach ist der Vogel schon 95 Prozent des Tages passiv, leidet also fast den ganzen Tag so heftig, daß er nicht in der Lage ist, den anderen zu folgen. Das ist kein vertretbarer Zustand.
Da Vögel Schmerzen versuchen zu ignorieren (man muß sich vor Augen halten, daß dies sogar größere Rißwunden oder abgetrennte Gliedmaßen betrifft, also, wenn kein akuter Schockzustand eingetreten ist oder der Blutverlust das Tier schwächt, der Vogel in einem stabilen, sogar relativ aktivem Zustand ist), kann man davon ausgehen, daß der Vogel sich in jenen Phasen, wo die Schwäche und der Schmerz zu erkennen ist, sehr leidet. Eigentlich ist die Schwäche das Symptom, daß wir wahrnehmen, Schmerzen kann der Vogel eigentlich gar nicht zeigen, er äußert sich normalerweise nicht, es sei denn, der Schmerz tritt unerwartet und heftig auf, dann läßt ihn der Schreck piepsen, ansonsten kann man den Schmerz nur an dem Versuch erkennen, durch eine angenehmere Körperhaltung etc. sich Erleichterung zu verschaffen. Wenn wir also feststellen, daß es ihm nicht gut geht, dann deshalb, weil er so schwach ist, daß er fast von der Stange fallen würde. In diesem Zustand hat er freilich auch nicht die Möglichkeit, durch Gewichtsverlagerung sich Erleichterung der Schmerzen zu verschaffen, er leidet also kraftlos.
Deshalb muß eben die Häufigkeit dieses hilflosen Zustandes als Kriterium zur Einschläferung angesehen werden, nicht die Tatsache, daß es ihm ab und zu noch gelingt, sich aufzurappeln. Wenn er also täglich und das vielleicht noch mehrfach und anhaltend solche Schwäche zeigt, ist das Leben für den Vogel eigentlich nicht mehr lebenswert. Die Dinge, die es ihm angenehm machen, nämlich den anderen zu folgen, Kontakt zu haben, zu spielen, zu kommunizieren, ist ihm nicht mehr möglich. Er ist einsam unter seinen Kameraden, da tröstet auch eine kurze Zuwendung wenig.
Übrigens, ein Vogel, der einen großen Tumor im Oberbauch hat, streckt sich oft kerzengerade hoch, um sich Schmerzen zu erleichtern. Einen Vogel, den ein Tumor bei den Nieren zu schaffen macht, beugt sich vornüber und macht einen Buckel, aus ebendiesem Grunde. Die Leber sitzt im Oberbauch, die Nieren im Unterleib. Wenn beide Organe betroffen sind, hat der Vogel bald keine Möglichkeit mehr, etwas gegen den Schmerz zu tun. Es geht dann auch sehr schnell mit ihm zu Ende, wenn der Zenit erreicht ist.
Das sind die Punkte, die man durch Beobachtung ein bißchen eingrenzen kann. Die zweite HÄlfte sollte der medizinische Befund bringen: Wenn bereits vor Wochen der Befall der Nieren festgestellt wurde, dürfte sich der weitere Verlauf sehr schnell entwickeln. Die Häufigkeit des Würgens zeigt Dir, wie viel Nahrung der Vogel überhaupt noch aufnehmen kann. Das Auswürgen dieser leicht feuchten, nicht schleimigen Körner zeigt, daß der Vogel bereits massive Verdauungsbeschwerden hat. Der Brustbeintest, sofern der Tumor nicht den Weg versperrt, zeigt die evtl. Abmagerung des Vogels, die Waage spielt Dir leider dabei einen Streich! Wenn Du aber das Brustbein fast nicht mehr fühlen kannst, weil die feste Geschwulst bereits so dick geworden ist, daß Du einschätzen mußt, daß sie bereits alle Organe verdrängt, sollte dies Dir auch zu denken geben. Der Lebertumor müßte eigentlich tastbar sein (aber bitte behutsam). Der Tumor macht sich erst im Bauchraum breit, drückt dann aber, wenn es eng wird, nach draußen. Wölbt sich der Tumor nach außen, sieht es im Körper schon schlimm aus. Da gibt es Röntgenbilder, wo sogar Lunge und Herz schon "gewandert" sind, weil der Tumor Platz brauchte.
Wie gesagt, ich kann Dir die Entscheidung nicht abnehmen. Die größte Schwierigkeit, eine objektive Bewertung zu treffen, liegt darin, daß ich es auf Grund Deiner Beurteilung tun müßte. Wenn Du den Eindruck hast, daß sie doch eigentlich noch ganz fit ist, ist das Deine Einschätzung, nicht meine Beobachtung. Ich kann mir höchstens eine Meinung bilden, wenn Du mir Fakten bringst. Daß sie dem Anschein nach häufig, vielleicht sogar regelmäßig (?) würgt, ist ein echter Minusfaktor. Du könntest es wirklich besser einschätzen, wenn Du die Henne einen Zeitraum in einen separaten Käfig setzt und die aufgenommene Futtermenge, die ausgewürgte Futtermenge und Kotmenge vergleichst. Gesunde Vögel setzen alle 15 - 20 MInuten einen Kotballen ab. Frißt sie nach den daraus zu entnehmenden Fakten viel zu wenig, wird sie Dir in naher Zeit verhungern und Du könntest es nicht verhindern, weil auch Zwangsfütterung keine Besserung brächte, der Vogel muß ja das Futter verdauen können. Babybrei und leicht verdauliche Dinge könnten für wenige Tage wirken, wenn der Vogel dies frißt, aber was nützt es im Endeffekt? Der Vogel ist deshalb nicht beschwerdefrei, er verhungert nur eben nicht zuerst.
Also, wenn ich Dir irgendwie helfen kann, dann vielleicht nur damit: Vergiß die Hoffnung, die immer unterschwellig aufkeimt, der Vogel könnte sich erholen und geheilt werden. Heilung gibt es nicht. Es gibt auch keinen Stillstand und es wird auch nicht besser. Überlege, ob der Zustand, in dem er jetzt lebt, von dem Schmerz und der Schwäche angefangen und bis zu dem Hunger hin gesehen, für ihn zumutbar ist. Überlege, welche Freude er am Leben derzeit haben könnte. Vergiß DEINE Gefühle, versuche SEINE Gefühle zu verstehen. Der Vogel ist intelligent, keine Frage, aber er kennt keine Hoffnung, er weiß nicht, was Zukunft ist. Für ihn zählt nur das Jetzt und Hier. Leidet er jetzt, macht ihm das Leben keinen Spaß, fühlt er sich wohl, macht es ihm Spaß. Überlege, wieviel Spaß am Leben er haben könnte.
So kann man freilich nicht immer herangehen, keine Frage. Wenn wir sehen, daß ein Zustand nur vorübergehend ist, daß das Tier wahrscheinlich geheilt wird, nehmen wir ihm die Entscheidung ab und nehmen auch in Kauf, ihm erst Qualen zuzufügen, um ihn damit zu retten. Dein Vogel ist aber ein Todeskandidat, früher oder später. Mach nicht den Fehler, in ihn hineinzuinterpretieren, daß er Hoffnung auf Besserung hätte, die kennt er nicht.
Wenn Du dies beherzigst, wirst Du seinen Zustand nüchterner beurteilen und Dich nicht von Deinem Wunschdenken beeinflussen lassen: körperlicher Zustand, Befunde und die nüchterne Auszählung, wieviel kann er noch fressen, wie oft am Tag hat er Schwächephasen, die lassen es klar werden. Eigentlich merkt man den Trend schon daran, wenn man geneigt ist zu zählen, wie oft am Tag geht es ihm scheinbar gut, anstatt, wie oft am Tag scheint er schwach. WEnn man geneigt ist, ersteres zu fragen, ist der Zenit schon überschritten, dann wird es nur ständig schlechter... Leider wird auch der mitfühlende Beobachter ständig genügsamer, freut sich schon über die kleinsten Zeichen von Leben unheimlich... Das ist gefährlich, da verpaßt man leicht den Absprung...
Vielleicht haben Dir diese Zeilen aber trotzdem weitergeholfen...
Krankheit und Tod ist immer eine sehr traurige, aber auch sehr verantwortungsvolle Sache für die Vogel"eltern". Man darf bei aller Trauer niemals vergessen, daß nun Wohl und Wehe des kleinen Tierchens in den eigenen Händen liegen. Für den Vogel sind wenige Tage längeres Leben unter wenig erfreulichen Umständen kein Gewinn, einige Tage weniger Leid aber eine große Erleichterung. Ich denke, es kann nicht falsch sein, vielleicht einen Tag früher als absolut nötig gehandelt zu haben als einen Tag zu spät. Es ist auch kein Mord, denn der Vogel ist dem Tode geweiht und egal was Du tätest, Du könntest es nicht verhindern, es ist Sterbehilfe, die - wenn sie auch nach wie vor aus ethischen Gründen umstritten ist beim Menschen - eine wichtige Sache ist. Eigentlich ist sie ja beim Menschen auch nur deshalb umstritten, weil der Mensch die kriminelle Intelligenz des Menschen fürchtet und Angst hat, daß es einige Menschen gäben, die diese MÖglichkeit zu ihren Zwecken mißbrauchten. Für Tausende von krebskranken Patienten, die nur mit Morphium auf ihren unweigerlichen Tod warten müssen, wäre es ein Segen.
Meine Mutter ist an Magenkrebs, der zuletzt heftig streute, gestorben. Ihr Magen war nur noch ein kleines Klümpchen Fleisch nach der dritten Operation, ein Teil des Darms mußte entfernt und ein Ausgang durch die Bauchdecke gelegt werden. Eierstöcke und Gebärmutter waren auch entfernt. Sie hat im Juli 79 ihren Abschiedsbrief geschrieben, mit zitternder Schrift, nicht vor Angst, sondern vor Kraftlosigkeit. Sie war erst 39. Sie ist im November gestorben, allein, im Krankenhaus.
Sie hat bereits im Spätsommer, als sie die Kraft noch dazu hatte, versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie hat es vor Verzweiflung und ohnmächtigen Schmerzen getan, die auch durch Medikamente nicht beseitigt werden konnten. Sie hat es erst im letzten Moment getan, denn sie hatte ja noch zwei kleine Kinder daheim, die sie ungern allein ließ. Ich weiß, das war der einzige Grund, nicht sterben zu wollen.
Es ist verhindert worden und ich werde nie vergessen, wie verzweifelt sie darüber war, daß man sie doch noch rechtzeitig ins Krankenhaus zurückbrachte. Eine Sterbende durfte nicht sterben. Es ist eigentlich furchtbar, wie weit menschliche Moral gehen kann, daß sie zur GEißel des Menschen wird.
Ich weiß, ich bin abgeschweift. Trotzdem bot sich dieser Vergleich an: Meine Mutter hatte eigentlich dieselben Probleme wie diese Wellensittiche: Sie konnte kaum noch Nahrung zu sich nehmen, verhungerte buchstäblich bei vollem Bewußtsein, während der Tumor im Leib sich ausbreitete. Ich werde ihre eingefallenen Züge und den knochigen Körper niemals vergessen. Man konnte zuletzt nicht unterscheiden, ob sie weinte oder lachte, sie hatte keine eindeutigen Gesichtszüge mehr, jedes mühsame Lächeln sah wie ein Weinen aus.
Es gibt freilich den einen Unterschied: Wellensittich empfinden den Schmerz, wie man annimmt, nicht ganz so schlimm wie Menschen. Aber freilich bekommen sie auch kein Morphium. Aber allein die Auszehrung und die Qualen bei der täglichen, lebensnotwendigen Futteraufnahme sind furchtbar genug. Man kann sich nicht wohlfühlen, auch wenn es einmal vielleicht nicht ganz so weh tut und man etwas Erleichterung fühlt. Erleichterung, kein Wohlbehagen.
Ein Vogel ist aber nur dann ein glücklicher Vogel, wenn er im Schwarm ist, wenn er Freunde um sich hat, mit denen er etwas unternehmen kann. Ein todkranker Vogel ist ein Vogel abseits des Schwarms. Wenn er dem Schwarm nicht mehr folgen kann, nicht mehr teilhat am normalen Vogelleben, ist es eigentlich nicht mehr lebenswert, dann beginnt die Grenze zur Qual.
Das war jetzt ein sehr langer Beitrag und ich hoffe, ich habe Dir trotzdem einen Anhaltspunkt gegeben, wie man als Außenstehender (weil Nichtvogel) hinter die Maske des Tieres schauen kann...
Gruß, Silke.