Re: Zu spät reagiert?!
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 30. November 1999 10:17:47:
Als Antwort auf: Zu spät reagiert?! geschrieben von Heide am 30. November 1999 00:08:12:
Liebe Heide,
vorab: Ja, Du hast leider zu spät reagiert... Das ist kein Vorwurf, Du hast eben einen entscheidenden Fakt nicht gewußt und ich kann Dir wirklich dazu keinen Vorwurf machen, denn dieser findet nicht einmal in der Literatur genügend Erwähnung.
Unsere Heimvögel sind durch die Evolution geformt zu potentiellen Beutetieren. Es gibt nur wenige Raubvögel, die restlichen ernähren sich friedlich von Sämereien, Insekten und hier und da auch ein bißchen von Aas, aber sie sind hauptsächlich selbst gefährdet, zur reichlichen Mahlzeit eines gefiederten oder behaarten Beutegreifers zu werden. Schwache und kranke Vögel sind die ersten, die sterben.
Deshalb sind die Vögel durch ihren Instinkt getrieben, Schwächen - so lange es ihnen nur irgendwie möglich ist - zu kaschieren und nicht zu zeigen. Wenn sie geschwächt sind, nutzen sie die Ruhepausen zur Erholung, aber dann hüpfen sie wieder, als wäre nichts gewesen, umher. Selbst todkranke Vögel zeigen noch kurzzeitig Aktivphasen, die dem Laien vermitteln, es gehe ihnen schon viel besser.
Deshalb: es hat leider gar nichts zu sagen, wenn der Vogel zwischenzeitlich wieder munter ist, allein die Tatsache, daß ein Symptom nicht innerhalb kürzerer Zeit verschwindet, ist Grund genug, einen Tierarzt zu konsultieren.
In Deinem Fall wäre es müßig zu spekulieren, woran der Vogel gestorben ist. Mögliche Ursachen wären da: Lungenentzündung, Aspergillose (halte ich für noch unwahrscheinlicher, erstens, da äußerst selten beim Wellensittich, zweitens, weil der zweite Vogel mit gleichen Symptomen auf das Antibiotikum anspricht), Luftwegsparasiten (nicht auszuschließen)...
Allein eine Sektion, die ich unbedingt machen lassen hätte, hätte Dir genaue Auskunft über die Todesursache geben können und auch den zweiten Vogel die Chance gegeben, sofort richtig zu therapieren. Aber, wenn das Antibiotikum wirkt, ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen.
Fakt ist eins, beide hatten massive Atembeschwerden, daher das Atemgeräusch. Warum es beide hatten, kann heißen, daß entweder eine ansteckende Ursache vorliegt (im Zweifelsfalle bedeutet das Tabula rasa in Bezug auf Käfighygiene, alles heiß abschrubben, schwer zu reinigende Plastenäpfe und Trinkröhrchen entfernen, nur runde, leicht zu reinigende (Edelstahl- oder Keramik-) Näpfe belassen, Käfig heiß abschrubben. - Ggf. sogar absolute Desinfektion mit geeignetem Präparat, aber dazu später...)
Wenn sie eine Erkältung verschleppt haben und daher eine Lungenentzündung resultiert, muß der Standort des Käfigs gewechselt werden, dann zieht es höchstwahrscheinlich. Das solltest Du dringend, ggf. mit einer brennenden Kerze, prüfen.
Daß der Bauch so verdickt war, kann auch auf einen Tumor hindeuten. Es ist möglich, daß nicht die Atemwegsinfektion, sondern der Tumor zu guter Letzt den Todesstoß versetzt hat. Deshalb wäre eine Sektion eigentlich wirklich wichtig gewesen. Allerdings sagt mir die von Dir beschriebene Verfärbung so nicht viel. Man müßte wissen, ob die Haut sich verfärbt hätte, ob unter der Haut eine farbige Verdickung durchschien (Vogelhaut ist z. T. pergamentdünn) usw.) Auch die Beschaffenheit der Geschwulst (hart und knotig oder weich und wie eine Blase) wäre dazu wichtig gewesen, um überhaupt etwas sicherer schätzen zu können. Aber es wäre beim Schätzen geblieben.
Und, zuletzt die - leider ebenfalls recht wahrscheinliche - mögliche Ursache: PSITTAKOSE! Der verbliebene Vogel sollte dringend auf Psittakose getestet werden. Die Atembeschwerden sind typisch für diese, nach wie vor sehr gefährliche Krankheit, die auf den Menschen übertragbar ist.
Ein positiver Befund ist ein Alptraum jedes Vogelbesitzers. Er bedeutet die absolute Desinfektion des gesamten Bereiches, den der Vogel genutzt hat. Der Quarantäneraum, in den der Vogel gebracht werden muß, darf dann nur noch mit Schutzkleidung betreten werden. Einstreu, Futterreste und Kot dürfen nicht in den Hausmüll gelangen. Psittakose ist eine meldepflichtige Tierseuche, die Herkunft des Tieres muß zurückverfolgt und der Züchter ermittelt und dessen Bestand untersucht werden.
In Deinem eigenen Interesse bitte ich Dich, diese Möglichkeit sehr ernst zu nehmen und eine frische Kotprobe (über Nacht eine Folie in den Käfig legen, morgens zusammenschlagen und abgeben. Der Kot darf nicht austrocknen) zur Untersuchung einzureichen. Den Umgang mit dem Tier solltest Du auf ein nötiges Maß beschränken und Dir stets sehr sorgfältig die Hände danach waschen.
Beachte bitte auch - bzw. weise den Arzt darauf hin - daß der Vogel bereits mit Tetracyclin, also einem klassischen Psittakose-Antibiotika, behandelt wird. Das könnte das Ergebnis verfälschen. Wenn irgend möglich, solltest Du den verstorbenen Vogel zur Untersuchung geben. Wenn er draußen eingegraben wurde, könnte es sein, daß er noch frisch genug ist, um ein halbwegs zuverlässiges Ergebnis zu bekommen.
Ich drück Dir die Daumen, daß es nur blinder Alarm ist, aber die Symptome solltest Du wirklich ernst nehmen.
Gruß, Silke.
Und: PS: Meide vorerst den Kontakt zu fremden Vögeln...