Re: Spielen wir jetzt hier Fernheiler? Dann hole ich mal meine Tarot-Karten...
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 25. November 1999 10:13:16:
Als Antwort auf: Re: Sehbehinderter Wellensittich/Spiegel? geschrieben von Gitta am 23. November 1999 20:48:14:
Hallo Gitta,
>Das war jetzt schon das zweite Mal.
Was?
Ich vermute, dies ist deine Seite, und deshalb verabschiede ich mich freundlichst.
Was soll das heißen?
>P.S. Tip Kamille und Tip Spiegel kamen von meinem Großvater, und der ist Tierarzt mit Spezialisierung auf Kleintierhaltung.Genau. Kleintierhaltung, kein Vogelspezialist. Deswegen betrachtet er diese Dinge auch mit den Augen eines Kleintierspezialisten. Vogelmedizin wird erst seit wenigen Jahren überhaupt an den medizinischen Fachhochschulen gelehrt, seit dem nämlich überhaupt erst bekannt geworden ist, daß gerade die Vogelmedizin ein echtes Spezialfach ist.
Kamille, um Schorf vorsichtig abzuwaschen und dann mit Wundpuder nachzubehandeln.
Es ging nicht um die Reinigung einer Wunde, sondern um die Desinfektion einer infizierten Wunde, bitte lies den Text nach. Dazu ist Kamille aber denkbar ungeeignet. Der Wundpuder, den Dein Großvater meinte, den Du aber (leider) nicht erwähnt hast, könnte natürlich ein antibiotischer Puder sein, wie er vor Jahren noch fast standardmäßig auf Wunden gegeben wurde. Heute hält man sich mit Antibiotika etwas zurück (auch in der Humanmedizin). Die gibt es erst bei wirklichen Infektionen, niemals prophylaktisch bei frischen Wunden und dann weniger über Puder, sondern über Spritze, direkt in den Schnabel oder über Futter bzw. Wasser.
Spiegel, um Reflexe zu prüfen und Aufmerksamkeit zu erregen - Kurzzeittherapie versteht sich.
Du hast weder von einer Kurzzeittherapie gesprochen, noch glaube ich, daß sich das in diesen Foren immer von selbst versteht. Deshalb gestatte mir bitte meine kritischen Anmerkungen für die Leser, für die dies nicht selbstverständlich ist. Außerdem wirst Du auch zugeben müssen, daß der Effekt, den Du mit dem Spiegel erreichst (erhöhte Aufmerksamkeit, logisch, denn das Bild im Spiegel wird für einen Artgenossen angesehen), genauso schnell wieder vorüber ist, wenn Du den Spiegel nach der "Kurzzeittherapie" wieder entfernst.
Ich finde es schade, daß Du Dich zurückziehst, nur weil ich in gegensätzlicher Meinung geantwortet habe. Das Forum lebt aus der Diskussion und jeder, der eine Meinung hat, besonders, wenn er sie für fundiert hält, sollte sich nicht verstecken, sondern mitdiskutieren. Wir werden ewig unsere eigenen, ständig gleichen Brötchen backen, wenn wir nicht ab und zu einmal unsere Standpunkte vergleichen, ich bin selbst für jeden Hinweis und Tip offen, nur muß die Begründung, warum er gut ist, etwas anders lauten als er ist von meinem Großvater (der sicherlich ein verdienter Kleintierarzt ist). Mir ist die Ehrfurcht allein vor Titeln nicht eigen, mich überzeugt eine logische Begründung, warum etwas so ist und so weiter. Es ist nicht so, daß ich nicht auch hier und da neues Wissen gewonnen, Irrtümer erkannt und völlig neue Aspekte einer Sache aufgezeigt bekommen hätte. Das ist völlig natürlich, denn die Forschung geht weiter und viele "Tatsachen", die vor einiger Zeit unanfechtbar waren, geraten ins Wanken. Deshalb wird ja so viel geforscht, z. B. gerade in der Ernährung. Aber so ist das ja mit dem Wissen, man lernt immer wieder dazu, Voraussetzung, man beschäftigt sich mit dem Thema, sammelt neue Erkenntnisse, vergleicht die Quellen und die Praxis. Dann darf man solchen Diskussionen aber nicht aus dem Weg gehen, nur weil die Meinungen nicht identisch sind. Würde ich voraussetzen, daß meine Gesprächspartner stets meiner Meinung wären, hätte ich dies und das nie dazugelernt. Und glaube mir, auch ich habe mich in einigen Dinge revidieren müssen. In manchen Sachen habe ich das Thema zu einseitig betrachtet, in anderen zu dogmatisch.
Aber ich habe aus eigener Erfahrung im Laufe der letzten Jahre meiner Vogelhaltung eines gelernt, nicht jeder, der einen Titel und einen weißen Kittel trägt, ist ein Experte und nicht jeder, der behandelt, ohne Zweifel mitzuteilen, ist sich seiner Sache wirklich sicher. Paradebeispiel dieser Kette ist ein absolut netter und fürsorgender Kleintierarzt (der zumeist aber Katzen und Hunde behandelt) und völlig dilletantisch versucht hat, einen Wellensittich bei vollem Bewußtsein auf dem Rücken liegend zu röntgen. Daß die Bilder natürlich unscharf waren, war das eine, daß er aber versucht hat, die verschwommenen Stellen damit zu interpretieren, daß der Vogel keine ausgebildeten Gelenke hätte, grenzte schon an Betrug.
Ich will diesen Fall keineswegs mit Deinem Großvater, den ich nicht kenne und über den ich mir deshalb gar kein Urteil erlauben möchte, zumal ich in dem Wundpuder nach wie vor vermute, daß er von einem antibiotikahaltigen Medikament sprach, vergleichen. Aber ein Doktortitel und 30 Jahre Berufspraxis in einer Kleintierpraxis machen allein noch keinen Experten, zumal ein mir bekannter Vogelarzt, der seit langem nicht mehr praktiziert, sich schon mit Diagnosen zurückhält, weil er nun einmal nicht im Berufsleben steht und der hat sich jahrelang mit Vögeln im speziellen beschäftigt und ist selbst nach wie vor Halter und Züchter. Also, nichts für ungut.
Zu guter letzt wollen wir eins mal nicht vergessen, auch ich gebe keine Behandlungstips zur Selbstmedikation. Dies ist ein ungeschriebenes Gesetz, wenn man fair sein will und seine eigene Selbstüberschätzung, vor der niemand - auch ich nicht - sicher ist, nicht auf den Rücken der Vögel austragen möchte. Der Rat muß also eigentlich nur immer lauten: Geh zum Tierarzt.
Genau dieses ungeschriebene Gesetz hast Du mit Deinem Rat verletzt, die Gefahr, daß der Vogel aber nach der von Dir empfohlenen Behandlung - aus welchem Munde die Weisheit zu guter Letzt auch immer stammen mag - weiter verfällt und das Bein vielleicht sogar amputiert werden muß oder daß er an einer fortgeschrittenen Infektion stirbt, dieses Risiko kannst Du auch nicht tragen. Deshalb, und nur deshalb, habe ich so schwer dagegen geschossen.
Sicherlich kann man Tips geben oder versuchen, das Problem vielleicht irgendwie einzuordnen, das tue ich auch. Ich denke, daß der Tierarztbesuch einfacher ist, wenn man vielleicht schon vorher - mit einem kleinen Denkanstoß - alle Symptome sondiert hat, gleich die notwendige Kotprobe dabei hat, usw. Mein persönliches Bestreben ist es deshalb, die Lesenden auf mögliche Symptome, die sonst vielleicht übersehen werden könnten, hinzuweisen oder ihnen Tips für ihren Tierarztbesuch zu vermitteln (wie nehme ich richtig eine Kotprobe etc.). Auch den geeigneten Tierarzt zu finden, können wir u. U. hier im Forum behilflich sein. Und vielleicht lasse ich mich auch hier und da hinreißen, die Empfehlung zu geben, einen anderen, spezialisierten Tierarzt aufzusuchen, wenn es sich relativ offensichtlich um eine 08/15-Parasiteninfektion, wie z. B. Räudemilben handeln, die der behandelnde Arzt offensichtlich nicht erkannt hat. Selbst da bin ich gewöhnlich vorsichtig und sage, wenn der Vogelhalter die klaren Symptome (wie die Grabegänge, die unter einem Vergrößerungsglas deutlich zu sehen sein müssen) nicht erkennen kann, dann darf er die mögliche Diagnose nicht für bare Münze nehmen, sondern muß sich unbedingt von einem anderen Tierarzt bestätigen lassen, daß meine Vermutung auch richtig ist. Das ist für mich Basis jedes Rates, den ich hier gebe und ich erwarte ehrlich, daß das auch jeder, der sich für meine Hinweise interessiert, streng befolgt.
Wir können Tips zur Ernährung geben, zu Beschäftigungsmöglichkeiten, zur Zucht. Aber wir können nie und niemals einen kranken Vogel durch schlaue Tips heilen. Die Heilung liegt beim Doc, und zwar einzig und allein bei demjenigen, der den Vogel persönlich untersucht hat. Das versuche ich - und ich hoffe, daß es mir auch gelingt - stets immer wieder herauszustreichen. Jede ungenaue Schilderung, jedes übersehene Symptom macht eine noch so sachkundige Behandlungsstrategie (und sei sie von Fr. Dr. Dühr oder wem auch immer selbst via Forum empfohlen) unsicher, denn man könnte ja einen wichtigen Aspekt völlig übersehen haben, der dem behandelnden Tierarzt aber ggf. sofort auffallen würde.
Also, kommen wir bitte wieder auf den Teppich zurück und vermeiden wir es, hier Bedienungsanleitungen nach dem Motto "Wie kuriere ich meinen Vogel selbst?" auszugeben.
Gruß, Silke.