Re: Sehbehinderter Wellensittich
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 22. November 1999 15:57:52:
Als Antwort auf: Re: Sehbehinderter Wellensittich geschrieben von Gitta am 22. November 1999 13:51:22:
Für mich ist das mit dem Sehen oder Nix-Sehen noch nicht ganz klar, vielleicht liegt hier auch einfach nur ein Mißverständnis vor...?
Woran erkennst Du, daß der Vogel nichts sieht? Führst Du es einfach darauf zurück, daß er wenig fliegt? Sind es besondere Angewohnheiten, die Dir an dem Vogel aufgefallen sind?
Bei ein wirklich sehschwachem Tier muß ich Mario zustimmen, ein fast blindes Tier kann noch lange Zeit sehr gut leben, indem es natürliche Instinkte und Angewohnheiten stärker nutzt, nämlich, GEWOHNTE Bahnen und Wege zu nehmen. So findet ein gesunder Wellensittich im "Blindflug" bei nahezu völliger Finsternis seinen Käfigausgang, und sei er noch so klein, wenn er im Schlaf aufgeschreckt wird, fliehen will und sich durch die geöffnete Käfigtür (die üblicherweise immer offen ist) nach draußen flüchtet. Hat der Vogel keinen Dauerfreiflug, wird er ziellos im Käfig umherflattern. Dann funktioniert diese Flucht nicht, da er erst einige Augenblicke braucht, um sich zu sammeln und seine Augen den schlechten Lichtverhältnissen anzupassen. Auch kann ein Wellensittich sich solche örtlichen Verhältnisse nur merken, wenn er sie täglich wieder so vorfindet. Sein Orientierungssinn ist sonst sehr ärmlich - nach zwei Wochen "Urlaub" ist vieles wieder vergessen...
Ebenso ist es völlig normal, wenn ein Wellensittich plötzliche Veränderungen seiner - sonst stets unveränderten - Umgebung zu spät erkennt. So wird er wie gewohnt auf der Glasplatte eines Tisches landen wollen und abstürzen, wenn diese auf einmal zum Putzen entfernt worden ist. Man bemerkt dieses Bestreben, seine Umwelt zu erkunden und dann in gewohnten Bahnen zu nutzen, sehr gut, wenn man seine Vögel in eine neue Umgebung bringt oder Gastvögel aufnimmt. Kennt der Vogel die Räumlichkeiten nicht - er muß deswegen nicht scheu sein - wird er immer erst langsam und eher flatternd den Flugraum erkunden. Vor unbekannten, aber potentiellen Landeplätzen wird er einige Zeit herumflattern, bis er es wagt, zu landen. Die Runden werden erst allmählich größer und sind immer noch geradlinig. Erst mit fortlaufender Zeit wird der Flug schneller, die Landungen an - bereits erkundeter Stelle - zielsicherer und routinemäßiger, die Bahnen verschlungen mit vertikalen Schnörkeln dicht an Hindernissen (die der Vogel zuvor ebenfalls erkundet hat) vorbei.
Das ist das Phänomen, welches man hat, wenn zwei Vögel im Freiflug vor einem plötzlich offenem Fenster kreisen, ohne den Raum zu verlassen. Natürlich funktioniert das nicht immer so, denn sonst flöge kein Vogel davon (wobei die meisten ja durch ihre Neugier getrieben eher den schmalen Spalt des gekippten Fensters meistern), aber genau diese Konstellation, wenn nämlich der Wind das Fenster aufdrückt, haben schon einige Vogelhalter gehabt. Sie selbst standen wie die Salzsäulen erstarrt in der Tür und die Vögel kreisten seelenruhig vor dem offenen Fenster. Wenn sie die Vögel jetzt nicht erschrecken und damit hinaustreiben, haben sie gute Chancen, das Fenster heimlich wieder zu schließen.
Auch eine andere Angewohnheit hat nichts mit mangelnder Sehleistung zu tun: So betrachten die Vögel Personen und Gegenstände, die sie besonders interessieren oder die besondere Aufmerksamkeit erwecken, seitlich durch ein einziges Auge. Das heißt nicht, daß sie auf dem anderen nicht sehen, aber so ist es ihnen möglich, sich die Sache genauer anzuschauen. Das hat mit der Lage der Augen im Kopf zu tun, die nicht wie bei uns Menschen nach vorn gerichtet sind. So kann es sein, daß der Vogel erst den Kopf zur Seite dreht, um dann umständlich in den Futternapf zu lugen, bevor er zu fressen beginnt. Vielleicht lag darin ein besonders gefärbtes Körnchen oder eine ungewöhnliche Saat, die er erst einmal genau ins Auge fassen wollte.
Bevor man also zu dem Thema überhaupt etwas sagen kann, müßte man m. E. also wirklich wissen, ob der Vogel wirklich Sehstörungen hat und woran Du sie erkannt hast. So kann sich dahinter vielleicht etwas ganz Harmloses oder aber auch etwas bedeutend Komplexeres verbergen und der Vogel nicht einfach Sehstörungen, sondern vielleicht sogar etwas so scheinbar Abwegiges wie epilleptische Anfälle haben. Dies nur mal so zum Beispiel und nicht als Verdacht, das will ich damit gar nicht sagen, aber einfach mal um die Sache noch ein bißchen umfangreicher anzugehen und nicht gleich eine scheinbare Diagnose als absolut gegeben hinzunehmen. Die Tatsache, daß ein Tier abstürzt oder unbeholfen wirkt, muß nicht immer etwas mit dem Sehvermögen zu tun haben, darauf will ich eigentlich hinaus.
Gruß, Silke.