Re: Sprechende Wellis
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 26. Oktober 2000 12:13:35:
Als Antwort auf: Re: Sprechende Wellis geschrieben von Andi am 26. Oktober 2000 10:32:05:
Lieber Andi,
es tut mir leid, wenn Dich mein Beitrag persönlich tangiert hat, ich denke, man muß nicht alles in jedem Fall auch auf sich beziehen. Allerdings habe ich im Laufe der Zeit eine Menge unangenehme Erfahrung mit Tierliebhabern gemacht und festgestellt, daß in vielen Fällen eine ganze Portion Egoismus im Spiel war.
Ich sage nicht, daß die Anschaffung unüberlegt geschah und sich niemand in der Familie gekümmert hat. Ich sage auch nicht, daß die Paarhaltung alle anderen Faktoren der artgerechten Haltung ersetzt. Sie ist aber ein wesentlicher Bestandteil, umgedreht, eine artgerechte oder vogelgerechte, das wäre besser ausgedrückt, Haltung ist ohne arteigenen Partner nicht möglich. Jeder Vogel ohne Partner leidet früher oder später, das kann man nicht leugnen.
Ich habe allerdings vielfach festgestellt, daß gerade diese Probleme viele Vogelbesitzer, die ihre Tiere zweifellos lieben, nicht sehen oder sehen wollen. Und, ich sehe - obwohl ich viele Tiere in furchtbarem Zustand auflese - nur in den seltensten Fällen Vogelbesitzer, die nicht davon überzeugt sind, ihr Tier zu lieben und alles für ihn zu tun. In der Regel drücken sie dies mit Geldbeträgen aus, welch teures Futter sie kauften, welch teuren Käfig. Daß der Vogel in einem billigen, aber zweckmäßigerem Käfig besser aufgehoben gewesen wäre und daß das teure Futter nicht den Partner und nicht die Zuwendung rund um die Uhr, auch nachts, ersetzen kann, mögen viele nicht recht begreifen.
Sie finden es amüsant, wenn der Vogel den Menschen oder tote Gegenstände anbalzt und begatten will. Sie freuen sich, wie er ekstatisch mit der Glocke bimmelt, den Plastevogel verhaut oder den Spiegel anbalzt und verteidigt. Aber eigentlich ist es eine Tragödie, die einen zu Tränen rühren sollte.
Gerade Papageienvögel sind hochsoziale Tiere. Eine Isolation, und mag man sich noch so viel Mühe geben, das Manko durch Zuwendung auszugleichen, käme lebenslanger Haft zwischen Gorillas gleich. Niemand versteht mich, niemand kann wirklich mit mir reden, niemand kann mir die Zuwendung geben, die ich brauche - jeder Mensch würde irrsinnig werden. Auch die Einzelvögel werden es, mal mehr, mal weniger.
Das Schlimme ist, daß es beim Welli kaum auffällt. Er ist weder wehrhaft wie beispielsweise ein Halsbandsittich oder Ara, der eine ganze Familie ernsthaft bedrohen kann, noch ist er ein Vogel, der zu Rupfertum oder Dauerlegerei neigt. Er ist ein sehr ausgeglichener Vogel, der nach stundenlanger Einsamkeit, die er vor sich hin vegetiert, sich riesig freut, endlich ein Wesen zu sehen, daß auf ihn reagiert und der wie ein Clown darauf bedacht ist, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer von den Menschen würde auf die Idee kommen, daß der Vogel, der sich so sichtlich freut, eigentlich tief deprimiert über seine Lage ist? Ein Kakadu in gleicher Lage hätte sich längst alle Federn bis zur Halskrause ausgerissen...
Wer seine Vögel im Schwarm beobachten kann, weiß, wie sensibel sie sind und wie sehr sie auf die anderen angewiesen sind.
Hast Du Dir schon mal darüber GEdanken gemacht, daß es niemanden in der Familie gibt, der ihm beim Gefiederputz behilflich sein kann? Daß niemand seine Anbalzereien artgerecht beantworten kann, also ihm deutlich machen kann, ja, ich bin Dein Freund? Wie es ist, wenn man das Bedürfnis hat, sich fortzupflanzen, aber es ist einfach niemand da, der darauf eingeht? Wie es ist, sich dann irgendwelche Stofftierchen oder Lampenschirme zu suchen, wo man sich dann schubbeln kann? Wie es ist, wenn ein Tier, daß gewöhnt ist, ständig in Kontakt zu Artgenossen und Freunden zu sein, abends allein auf seine Schlafschaukel geschickt wird. Ein Tier, dessen instinktive Programmierung lautet: verliere ich den Anschluß, bin ich so gut wie tot? Wird einem denn nicht klar, warum ein neu gekaufter Vogel so deprimiert ist und das Futter verweigert? Er hat alle Freunde und alle Verwandten verloren, das ist in der Natur eine Tragödie mit nahezu sicherem tödlich Ausgang.
Dazu kommt, daß die Tiere den Schwarm vor der Zeit verlassen müssen, also noch als Kinder. Die Unart, Tiere nestjung zu verkaufen, also in einem Stadium, wo ihre Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen ist, bringt viele Probleme mit sich. Sie haben häufig Probleme mit dem Fliegen und Landen, was nicht selten in schweren Kopfverletzungen endet, sie kennen nicht den "Vogel-Knigge", der das Sozialverhalten der Tiere bestimmt und den sie im Schwarm als Jungvögel erlernen müssen. Das beschneidet ihre Chancen bei der Partnersuche und behindert oft die gute Verpaarung. So macht es oft schwer, etwas zu kitten, wenn auch der Halter merkt, daß der Einzelvogel ein Problem bekommt. Ab und zu bekommen die Vögel eben unübersehbare Symptome...
Aber, ich mache keinem Vogelhalter allein dafür verantwortlich, denn ich weiß, daß viele Vogelratgeber eine dringende Aktualisierung vertragen könnten. Aber statt dessen, findet man immer mehr Leute, die skrupellos voneinander abschreiben. Es ist deshalb für den Halter auch umständlich, sich die aktuellen Informationen aus den verschiedenen Quellen, da sind zum einen sehr gute vogelmedizinische Bücher, aber auch Artikel in Fachzeitschriften oder Veröffentlichungen des ZZF beispielsweise, zusammenzusuchen. Trotzdem sollte er es tun und sich fortwährend mit dem Tier beschäftigen, was er in Gefangenschaft hält. Auch die wilden Verwandten geben Aufschluß darüber, was der Vogel zum Leben braucht. So erkennt er leichter, daß die ewige Nörgelei vieler Vogelschützer eben doch handfeste Gründe hat.
Es ist nicht meine Absicht, hier jemanden niederzuputzen, das liegt mir fern. Doch man muß jemandem, dem man einen Fehler aufzeigen will, auch die Kritikpunkte klar kund tun. Ein Mensch kann Fehler machen, denn er ist ein Mensch. Es ist nur schlimm, wenn man immer wieder denselben Fehler macht.
Mit der artgerechten Haltung hast Du insofern recht, als daß es unmöglich ist, ein gefangenes Tier artgerecht zu halten. Es stellt sich dann auch die Frage, ob man, um es artgerecht zu halten, auch der natürlichen Auslese unterwerfen muß. Da das aber niemand beabsichtigt, müßte man vom einer vogelgerechten Haltung sprechen oder ähnlich. Das heißt, das in Gefangenschaft erreichbare Optimum der Haltung. Meßbar an dem Maßstab, daß der Vogel ausgeglichen ist und ein arttypisches Verhalten zeigt, daß er gesund und widerstandsfähig ist, sich vermehrt und sein Lebensalter ausschöpft. Man wird in einzelnen Dingen immer Kompromisse machen müssen, es ist nur wichtig, daß die Entscheidung im Sinne des Vogels fällt.
So gibt es einige Leute, die den Vogel allein wegen des Sprechens allein halten. Du magst dazu nicht zählen, aber es gibt sie unbestreitbar. Diesen Grund kann ich nicht akzeptieren. Ich kann eigentlich überhaupt nicht akzeptieren, daß ein Tier allein gehalten wird, denn einen plausiblen Grund gibt es dafür nicht. Wo Platz genug für einen ist, kann auch ein zweiter wohnen. Wo das Futtergeld angeblich nur für einen reicht, reicht es nicht, denn auch ein evtl. Tierarztbesuch kostet Geld. Wenn ich nicht mal die wesentlichsten Dinge abdecken kann, kann ich mit grundsätzlich keinen Vogel leisten. So hart ist das.
Wenn es keine solchen "Gründe" gibt, einen Einzelvogel zu halten, sollte man nachbessern und sich um einen Gefährten kümmern. Paarhaltung ist ein Mindestanspruch bei Wellensittichen, die eigentlich in großen Schwärmen bis zu 5000 Tiere leben. Der kleine Schwarm wäre also ein Optimum in Gefangenschaft, denn selbst mit einem Partner gibt es immer mal Zeiten, wo sich ein Vogel langweilen kann, umso mehr, wenn die Charaktere entsprechend verschieden sind.
Man kann das gut mit einer Weltumsegelung vergleichen, wo ein Paar allein ein ganzes Jahr lang auf dem Ozean unterwegs ist. Wie viele Paare, die eine harmonische Ehe führten, haben sich unterwegs fast umgebracht. Das Sozialverhalten der Wellis ist ebenso komplex wie das der Menschen, ja auch die Charaktere sind sehr ähnlich und ebenso vielfältig. Und so leiden bei psychisch an vergleichbaren Problemen. Nur es äußert sich anders. Der Mensch läuft Amok, stürzt sich aus dem Fenster, schreit und tobt oder sitzt apathisch da. Der Vogel ruft und schreit oder sitzt apathisch da oder rupft sich oder tyrannisiert tote Gegenstände. Nur genau das sieht man beim Wellensittich, selbst wenn es der FAll ist, gar nicht so offen. Viele halten das anhaltende GEbimmel für Spielerei oder das Traktieren des Plastekumpels. Gut, wenn er FEdern verliert, ist es nicht zu leugnen, aber das passiert wie gesagt, nicht allzu häufig.
Große Papageien zeigen es eindeutiger, sie beißen und tyrannisieren die Halter. (Wer kümmert sich darum, wenn ein Wellensittich mal zubeißt oder daß man gleich versteht, warum?) Bei einem dunkelroten Ara, der sein Frauchen in den Hals beißen will, bricht Panik aus. Man guckt mitleidig, wenn die Großen wie Bratvögel im Käfig sitzen oder mit dem Schnabel wie in Trance immer wieder gegen das Gitter stoßen. Aber wer beschwert sich, wenn ein Wellensittich mal zwei oder drei Stunden (außer MIttagspause) nicht zwitschert? Das ist doch eine wohltuende Ruhe für die Ohren. Niemand kümmerts, daß es nicht normal ist.
Meine Tante hatte z. B. als ich noch klein und dumm war einen Wellensittich, gelb war er und hieß Peterle. Der bekam immer Körner und Wasser und Knabberstangen. Als er auf der Tür saß und laut und eifrig herumgebalzt hat, sagte sie stets: Was schimpfst Du so? - Der Vogel hat im Leben nicht geschimpft... Irgendwann bekam sie einen sehr teuren Strauß mit langstieligen Rosen, die waren noch knospig. Als sie einkaufen ging, hat der Vogel alle Knospen abgeknabbert. Sie war darüber so wütend, daß sie ihn mit einem großen Buch schlagen wollte und ihn quer durch das Zimmer jagte.
Der Vogel war ihr ein und alles und sie heulte furchtbar, als er starb. Sie hatte keine Kinder bekommen können und der Vogel war ihr wie ein Sohn. Der Vogel konnte es sich nicht aussuchen, sonst wäre er sicherlich nicht gern Kinderersatz geworden. Sie hat immer erwartet, daß der Vogel sie versteht, sie hat sich niemals die Mühe gemacht, einmal den Vogel zu verstehen, sonst hätte sie erkannt, daß er einsam war, wenn er balzte, und zwar alles anbalzte, was er fand und daß er Grünfutter brauchte, als er ihre Rosen fraß...
Gruß, Silke.
PS: Meine Tante ist eine wirklich liebe Frau, die "keiner Fliege ein Haar krümmen kann", aber den Vogel hat sie durch ihre Ahnungslosigkeit zugrunde gerichtet...