Re: NEUEINSTEIGER!!!!!!!!!
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 02. Februar 2000 17:27:53:
Als Antwort auf: NEUEINSTEIGER!!!!!!!!! geschrieben von Markolf Jeutter am 01. Februar 2000 15:33:09:
Lieber Markolf,
nun ja, ein Pennant ist eigentlich kein "Einsteigervogel", gerade, weil die Verpaarung recht kompliziert sein kann, er ist auch nicht unbedingt eine Papageienart, die sehr leicht und in jedem Fall sehr zahm wird und - er kann große Probleme bereiten, wenn er allein gehalten wird!
Dein Berater, vorausgesetzt, Du hast Dich vor dem Kauf beraten lassen, war offensichtlich nicht der beste...
Aber, nun hast Du den Vogel und freust Dich darüber und möchtest ihm das Leben bei Dir so angenehm wie möglich machen; prima, dann gibt es auch gleich einige Aufgaben für Dich.
Zunächst würde ich mich langsam umsehen, wo Du für Deinen Vogel einen guten Partner herbekommst. Das ist nicht der erstbeste Laden, sondern besser ein Züchter, der Dir erstens nicht nur den zweiten Vogel im Falle des Falles noch einmal umtauschen kann, der Dich auch einmal direkt beraten kann und der - im günstigsten Falle - vielleicht Deinen Penny für einige Tage in seine Jungvogelvoliere nimmt, um ihn selbst entscheiden zu lassen, mit wem er am besten auskommt.
Ist der Vogel dann gut verpaart, ist das Schwierigste schon geschafft. Ich hoffe, in puncto Käfig war die Beratung besser - ich habe häufig Pennanten in viel zu engen Käfigen gesehen, die zwar unerhört teuer, aber eben wenig komfortabel für den Vogel haben. In einem ebensolchen Käfig saß auch der Pennant, den ich nicht vor allzu langer Zeit aus seinen auch anderweitig sehr widrigen Verhältnissen herausgeholt habe.
Also, wie groß muß ein Käfig sein? Da kann man prinzipiell für jede Vogelart sagen: Der Vogel muß im geschlossenen Käfig seine Flügel ausstrecken und durchschwingen können, ohne das Gitter dabei zu berühren, das ist das absolute Mindestmaß, wenn er jemals einige Stunden darin eingesperrt zubringen muß. Alles andere ist nicht nur eine psychische, sondern auch körperliche Quälerei, denn dem Vogel "schlafen" bei dem langen Sitzen regelrecht die Flügel "ein", er muß sie bewegen, um die Blutzirkulation wieder anzuregen.
Beim Umdrehen darf der (relativ lange) Schwanz des Vogels nicht das Gitter streifen - die Berührung mit dem Schwanz ist dem Tier höchst unangenehm, jeder (gesunde) Vogel wird versuchen, dies stets zu vermeiden. Das Berühren und Treten auf den Schwanz ist nämlich unter den Tieren eine sexuelle Handlung, entsprechend unangenehm ist dies für das Tier, wenn er nun gar nicht in Paarungsstimmung ist. Natürlich beißen sich die Tiere im heftigen Streit auch gern in den Schwanz oder versuchen, Federn auszureißen. Mit einem entsprechenden Gezeter wird dieser Angriff dann auch quittiert.
Über diese grundsätzlichen Dinge hinaus benötigt der Vogel - je nachdem, wie häufig und wie lange er Freiflug hat - einen entsprechend größeren Käfig. Muß er die überwiegende Zeit des Tages eingesperrt sein, bedeutet das, daß die gesetzlich festgelegten Mindestmaße für die Haltung von Papageien nicht nur theoretische, sondern auf jeden Fall praktische Maßregel sein sollte, zu gut deutsch, Du brauchst eine Flugvoliere mit den Mindestmaßen 2 m x 2 m x 1 m. Darin kannst Du ein Pärchen Pennanten akzeptabel auf Dauer unterbringen.
Ja, das Zahmwerden... Wie gesagt, ist nicht unbedingt einfach und wenn, dann geht die Liebe durch den Magen. Ich habe gute Erfolge mit Paprikakernen erzielt, Paprika und Chili scheinen sie überhaupt über alles zu mögen. Auch Wassermelonenkerne kommen gut an. Gibt man volle halbierte Äpfel sind die Kerne bevorzugtes Knabberziel, bevor das Fruchtfleisch dran glauben muß. Obst und Gemüse (Achtung, Avocado ist giftig) sollten überhaupt niemals auf dem Speisezettel fehlen, ebenso wie frische Kräuter und Gräser (zur Saison).
Das Zähmen fällt leichter, wenn man prinzipielle Dinge beachtet: Erstens, den Vogel niemals bedrängen, sondern die Speise von ihm so weit entfernt halten, daß er noch einen Schritt machen muß oder sich etwas recken müßte. Ihm nicht in die Augen gucken, solange er noch so superscheu ist. Direkter Blickkontakt bedeutet Bedrohung, macht unsicher. Das Tier fühlt sich fixiert (als Beute). Den Käfig sollte man als Privatsphäre achten: niemals unnötig hineinlangen und mit ausgesprochener Ruhe und Vorsicht. Niemals nach dem Tier, besonders nicht im Käfig greifen.
Das Zähmen bedeutet eigentlich nur, dem Tier die Angst zu nehmen. Der erste Stein kommt am besten ins Rollen, wenn man vermeidet, dem Tier zuviel Beachtung zu schenken. Fühlt es sich unbeobachtet, fühlt es sich sicher. Ein alter Trick ist, sich über längere Zeit z. B. lesend in der Nähe des Vogels aufzuhalten. Mit der Zeit, wenn man aus dem Augenwinkel beobachten kann, daß auch dieser Interesse zeigt, kann man die Neugier mit einer Leckerei, die man in der Nähe hat, etwas steigern.
Ich habe gute Überzeugungsarbeit geleistet, wenn ich direkt vor dem Vogelkäfig (der Vogel saß obendrauf auf einer Sitzstange) kiloweise Paprika entkernt und gegessen habe. Die Verlockung war so groß, daß sie schon nach 14 Tagen auf den Sesselrand geflogen kam und gierig in die Schüssel schaute und sich freute, wenn ich ihr einen Happen zusteckte. Bald saß sie sofort auf meinem Kopf, wenn sie nur die Schüssel sah, bald kletterte sie sofort auf den Schüsselrand, um selbst hineinzulangen.
Du ahnst nicht, wie schlecht mir nach drei Wochen ekzessiver Paprikaschlemmerei war...:-(
So weit zum Zähmen... Die Henne ist übrigens heute verpaart - nicht, daß Du denkst - und sie läßt sich immer noch leicht aus der Reserve locken.
Nun habe ich soviel geschrieben, dann kann ich auch noch ausholen, was passieren kann (und immer wieder wird), wenn man den Vogel nicht beizeiten verpaart:
Pennanten sind temperamentvolle Vögel, das sagte ich ja schon. Es gibt dabei zwei verschiedene Charaktere, zum einen die vorwitzigen, sehr dominanten Tiere, zum anderen die recht scheuen, sehr sensiblen Exemplare. Ein sehr dominantes Tier wird sicherlich relativ schnell zahm, ist auch überhaupt nicht sehr leicht zu verpaaren, da er dazu neigt, seinen Partner zu unterdrücken. Mit Eintritt der Geschlechtsreife wird der partnerlose Vogel aber leicht unberechenbar und aggressiv und kann einem Menschen auch sehr unangenehm werden. So ein Pennant ist leicht in der Lage, einem Menschen den kleinen Finger abzutrennen, wenn er in Rage zubeißt.
In dieser Aggression ist es kaum möglich, das Tier dann zu verpaaren, was die einzige Lösung aus dieser Misere wäre, denn er würde die Partnerin sofort überfallen und zur Paarung zwingen wollen, ggf. - wenn er bereits den Menschen als Partner angenommen hat, aber nur mit seiner sexuell unbefriedigenden Situation nicht klarkommt - wird er ihr aber auch feindlich gegenüberstehen und sie kurzerhand totbeißen.
Der scheue Typ wird mit Eintritt der Geschlechtsreife noch einsamer werden als er zuvor war (da er sich niemals so eng an den Menschen anschließt, wird er schon zuvor sehr leiden) und spätestens dann zu rupfen beginnen. Diese Manie kann sich legen, wenn es gelingt, das Tier schnell und gut zu verpaaren. Bei manchen wird es aber zur Gewohnheitshandlung und sie rupfen weiter. Wartet man zu lange, fressen die Tiere nicht nur Federn, sondern nagen auch Haut und Fleisch bis auf die Knochen an. In diesem Zustand, wenn sich das Fehlverhalten nicht abstellen läßt, muß der Vogel eingeschläfert werden, denn ein Leben in diesem Zustand kann man ihm nicht zumuten. Zum Teil fügen sich die Tiere Wunden zu, die kein Mensch so lange überleben könnte...
Dann gibt es freilich noch die öfter zitierten, aber sicherlich nicht häufiger vorkommenden Beispiele, wo die Charaktere der Vögel ruhiger, aber stabiler sind und die - Dank wirklich umfassender Zuwendung der Besitzer - trotz Einzelhaltung nicht so gravierende Verhaltensstörungen haben. - Wenn man ehrlich ist - ein Einzelvogel hat immer Macken, aber manche fallen kaum auf bzw. sind für den Halter uninteressant, denn wie schwer nimmt er es, daß der Vogel nach so und soviel Jahren nicht mehr in der Lage ist, mit Artgenossen fehlerfrei zu kommunizieren und deshalb als "schwachsinnig" gemieden würde? Auffälliger wird es freilich schon, wenn das Tier melancholisch wird und monoton mit dem Schnabel ans Gitter klopft oder andere Anzeichen von beginnender Verwirrtheit zeigt... Manche Halter können dies aber - wie ich schon oft merken mußte - ganz gut verdrängen...
Na ja, das wollte ich noch als Begründung hinzufügen, warum es eben absolut tierwidrig ist, den Vogel allein zu halten.
Jetzt bist Du dran, wenn Dir noch Fragen einfallen, stell sie doch gleich...
Gruß, Silke.