Re: Nymphensittiche ab welchem Alter für Kinder geeignet?
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 26. Januar 2000 10:18:42:
Als Antwort auf: Nymphensittiche ab welchem Alter für Kinder geeignet? geschrieben von Christine Dickel am 25. Januar 2000 20:36:35:
Liebe Christine,
es freut mich, daß Du vorher fragst, bevor das Tier zum Geburtstagsgeschenk wird...
Zunächst: mit 7 Jahren ist Deine Tochter auf jeden Fall zu jung, um ganz allein für das Tier zu sorgen. Wenn Du ihr also Vögel kaufen möchtest, mußt Du gewiß sein, daß Du Dich hauptsächlich um sie kümmern müßtest.
Vom Temperament her sind Wellensittiche unruhiger als Nymphen, beide - wie alle anderen Papageienarten (z. B.) auch - brauchen einen Partner. Kaufst Du Männchen, ist es theoretisch möglich, sie mit einem gleichgeschlechtigen Partner, also einem zweiten Hahn zu halten. Bei Hennen würde ich auf jeden Fall abraten, denn die meisten machen über kurz oder lang Probleme, wenn sie anfangen, Eier zu legen und dies mitunter zur Psychose wird. Das ist keine Frage, daß man dann täglich ein Ei wegräumen muß, sondern der Vogel wird regelrecht geistesgestört mit der Zeit bzw. laugt seine Knochen durch die ständige Kalziumproduktion aus, ja sie legen sich mit der Zeit buchstäblich zu Tode.
Das Idealste freilich - und wie ich finde, auch das Interessanteste - ist ein echtes Vogelpärchen. Besonders einfach und empfehlenswert ist es, ein bereits verpaartes Vogelduo zu kaufen. So spart man sich von vornherein den Ärger mit irgendwelchen charakterlichen Unverträglichkeiten, die ja auch bei so unproblematischen Arten wie Welli oder Nymphe auftreten, von vornherein und die Vögel nehmen die neue Umgebung leichter an und fühlen sich schneller sicher dort, wenn sie nicht allein sind. Sie können sich natürlich auch viel besser miteinander beschäftigen und es gibt natürlich viel mehr zu beobachten. Denn über eines mußt Du Dir im klaren sein: Ein Vogel ist - im Gegensatz zu Hund oder Katze - kein Streicheltier. Für ihn bedeutet die fürsorgliche Zuwendung, die das Kind ihm ja meistens gleich angedeihen lassen will, natürlich in bester Absicht, völligen Streß. Auch darauf mußt Du Dich einstellen, wenn Du das Vogelpaar kaufst, daß Du ggf. Deine Tochter im Umgang mit den Tieren bremsen mußt. Und es fällt einem so jungen Kind meist sehr schwer, einfach nur danebenzustehen und zuzugucken, wo sie den Federbusch doch einfach nehmen und knuddeln will. Aber dazu eignet sich ein Vogel nun einmal nicht.
Sicherlich, wir können den Vogel (besonders, wenn er allein gehalten wird) dazu bringen, sich streicheln zu lassen, aber wir tun es auf Kosten des Tieres, denn das bedeutet für ihn in der ersten Zeit großen Streß (und vor allem tiefe Deprimierung, von seinen Nestgeschwistern und allen Artgenossen getrennt zu sein, ein Fall, den es in der Natur gar nicht gibt und auf den das Tier seelisch und instinktiv gar nicht eingestellt ist) und später große Einsamkeit, denn er wird sich dem Menschen zwar (wenn er nicht besonders schüchtern ist, diese Fälle gibt es nämlich auch) anschließen, aber es wird eigentlich mehr die Verzweiflung sein, die ihn dazu treibt. Das Verhalten kann dann - besonders nach der Geschlechtsreife - später in Aggression oder in Lethargie umschlagen, das Tier könnte eines der zahlreichen Prozente darstellen, die zum Beißer oder zum Rupfer oder gar Kannibalen werden. Letztes bedeutet fast immer, daß das Tier eingeschläfert werden muß, was sicherlich auch für alle beteiligten Menschen eine sehr tragische Sache ist und immer mit vielen Tränen einhergeht (dann ist es aber zu spät), ersteres endet in fast allen Fällen damit, daß das Tier weggegeben werden muß und die (ehemaligen) Halter sich einreden, der kommt zum Züchter und es wird dann schon wieder und das Zweite endet meist ebenfalls irgendwann mit der Weggabe, denn so ein gerupftes Brathuhn sieht ja häßlich aus.
Das hört sich jetzt alles sehr grob an, ist aber tagtägliche Realität - bereits wenn Du Dich durch einige Foren hangelst, wirst Du zahlreiche Beispiele für diese Probleme finden und es ist - finde ich - besser, den Leuten vorher zu sagen, wie groß die Gefahr ist, daß das Tier sich nicht zu seinem Vorteil entwickelt, wenn es allein leben muß. Es sind leider nicht die Ausnahmen, die so enden.
Insofern solltest Du - egal, für welches Tier und welche Art Du Dich entscheidest - von vornherein auf zwei Tiere einstellen.
Du mußt folgendes wissen: Die Tiere besitzen sehr persönliche Charaktere und sie sind mental sehr sensibel. Das hat gar nichts mit Vermenschlichung zu tun, das ist eine reine Tatsache. Und je nachdem, wie der Vogel veranlagt ist, zeigt er in diesen und jenen Sachen ähnliche Verhaltensmuster, wie man sie auch von den Menschen her kennt: Ein ängstlicher Vogel schickt immer Artgenossen voraus und traut sich niemals zuerst, auch wenn eine Sache noch so verlockend ist. Solch ein Vogel würde auch in Einzelhaltung niemals völlig zahm werden, aber mit sehr großer Sicherheit würde er melancholisch (weil eben sehr einsam) werden und er würde sich auch mit großer Sicherheit rupfen oder gar anfressen. Ein sehr kecker und dominanter Vogel würde mit Sicherheit schnell zahm werden, würde aber ab der Geschlechtsreife so vehement einen Partner beanspruchen, daß er sicherlich Aggressivität zeigen würde. Bei kleineren Papageien richtet sich die Aggressivität mehr gegen ihr Spielzeug und Einrichtungsgegenstände, vielleicht beißen sie auch öfters, aber das ist für den Halter nicht gefährlich. Tragisch ist es trotzdem, weil der Vogel darunter leidet. Bei großen Papageien kann es dann sogar für die Familienmitglieder sehr gefährlich werden, denn die Bisse können ganze Finger abtrennen oder (z. B. am Hals) große und schwere Wunden verursachen.
Ich meine, die Folgen mögen verschieden sein, aber was sich in der Psyche des Tieres abspielt, ist dasselbe.
Ach ja, wer natürlich die goldene Mitte erwischt, also einen Vogel, der zwar natürlich zunächst scheu ist, aber ein munteres und neugieriges Wesen hat, der kann natürlich einen Einzelvogel bekommen, der keine gravierenden Probleme bereitet, umgedreht, den Vogelpartner zu ersetzen (für viele Papageien ist es bereits ein Problem, nur einen Bezugspartner zu haben, es fehlen die vielfältigen Sozialkontakte im Schwarm, aber hier kann der Mensch ganz gut Ersatz bieten), vermag der Mensch aber nicht. Deshalb beobachtet man auch diese Vögel oft, wie sie verzweifelt Gegenstände, Plüschtiere, Glöckchen oder auch den Menschen anbalzen und sich zur Paarung anbieten bzw. sich zu paaren versuchen. Viele Wellihähne füttern deshalb gern den Finger eines Familienangehörigen und versuchen anschließend, sich mit ihm zu paaren.
Also, ich denke, der lange Text hat schon begründet, weshalb ein Vogel auf gar keinen Fall allein gehalten werden sollte.
Ach ja. Ein echtes Pärchen ist ideal, aber da haben sofort alle Halter gleich die Befürchtung, nun gibt's Nachwuchs. Dem kann man recht leicht vorbeugen und wenn's Dich interessiert, sage ich Dir auch gern wie, aber da kannst Du ja noch mal nachfragen, ich möchte es jetzt nicht zu sehr ausdehnen...
Aber im Zweifelsfalle kannst Du ja zwei Männchen kaufen, am besten Geschwister, die kennen sich von kleinauf und pflegen gewöhnlich einen sehr innigen Kontakt zueinander.
Das wäre ein Grund, keine zwei Jahre zu warten. Ein weiterer ist dieser:
Wenn Du erst einen Welli zähmen möchtest, um dann den zweiten zu kaufen, braucht es keine zwei Jahre. Wenn Du es richtig anfängst und dem Vogel Vertrauen einflößt, anstatt ihn mit Deiner Zuwendung zu erdrücken, wird er bereits nach wenigen Tagen die Hand akzeptieren und sich mutiger zeigen. Nach wenigen Wochen ist dann spätestens der Partner fällig. Klappt dies trotz aller Bemühungen nicht, hast Du solch einen ängstlichen Vogel erwischt, der auch an seinem Lebensende nicht viel zahmer sein wird oder Du hattest einfach keine rechte Zeit für ihn oder Du hast eben fast alles falsch gemacht.
Es gibt aber gute Gründe, den Vogel niemals allein zu lassen: Zu zweit überstehen die Vögel den Schock, aus dem Heimatschwarm gerissen zu werden besser (die meisten Vögel werden zu früh verkauft), sie gewöhnen sich auch besser ein (man sollte sie in den ersten Stunden oder Tagen besser in Ruhe lassen und nicht nerven), es gibt immer einen, der neugieriger und mutiger ist als der andere, sie können sich also besser an den Menschen gewöhnen. Natürlich ist die Art der Zuwendung bei Vögeln, die zu zweit gehalten werden, eine andere. Der Vogel kommt ja nicht zum Menschen, um ihn als Partner zu werben und um sich mit ihm zu paaren, sondern um Leckerbissen zu bekommen und interessante Dinge zu sehen. Aber meistens geht es um Leckerbissen. Dementsprechend wird er nicht immer auf Kommando angeflogen kommen und er wird den Menschen auch nicht stundenlang begleiten. Bei einem Einzeltier ist das anders: so wie er seinen Partner den ganzen Tag begleitet, wird er auch beim Menschen sein, er will essen, was der Mensch ist, sitzen, wo der Mensch sitzt, hingehen, wo der Mensch hingeht, trinken, was der Mensch trinkt und so weiter...
Ach ja: Wie zähme ich das Tier oder besser die Tiere? Eigentlich, indem ich anwesend bin und sie nicht beachte. Zähmen bedeutet dabei eigentlich nur, dem Vogel deutlich zu machen, daß von mir keine Gefahr ausgeht. Fühlt sich der Vogel vom Menschen beobachtet (besonders, wenn ich ihm tief in die Augen gucke), fühlt er sich schon halb gefressen. Kennt der Vogel den Menschen, weil er in einer Wohnung aufgewachsen ist, mag das anders sein. Ein Volierenvogel wird den direkten Blick zunächst immer als Gefahr betrachten. Man guckt ihn also gar nicht an und setzt sich abseits daneben. Zeit für das Tier, den Menschen "unter die Lupe" zu nehmen. Später, wenn das Tier den Menschen ignoriert und seiner Beschäftigung nachgeht, sollte man sich näher stellen, hin zum Käfig. Mit etwas Kolbenhirse, die man durchs Gitter (nicht durch die Tür) in den Käfig hält, kann man das Eis ein bißchen aufweichen. Später kann man die Hirse auch in die offene Tür (nicht auf den Vogel zu halten). Mit der Hand darf man auf gar keinen Fall in den Käfig nach dem Vogel greifen.
Muß man in den Käfig greifen (Wasser wechseln, Futter...), tut man dies besonders langsam und vermeidet den Blickkontakt mit dem Tier. Der Vogel sollte ruhig zur Seite gehen können, so daß die Hand ihn nicht berührt. Später wird er dies gelassen hinnehmen. Überhaupt sollte der Käfig der Ort sein, wo das Tier sich immer geschützt fühlt. Dementsprechend gehört er an einen Platz, der nicht zu niedrig ist und in einer ruhigen, aber hellen und zugfreien Ecke ist. Es sollte keinesfalls ständig jemand am Käfig vorbeilaufen müssen. Das ist besonders in der Anfangszeit sehr wichtig. Wichtig ist, man bedrängt das Tier nicht, sondern lockt es. Da sind Kolbenhirse, Kräuter, Vogelmiere, Obst etc. gute Hilfsmittel.
Der Käfig selbst sollte natürlich geräumig sein. Je mehr Zeit das Tier darin zubringen muß, desto größer muß er sein. Der bzw. die Vögel müssen auf der Stange sitzend, beide Flügel durchschwingen können, ohne das Gitter zu berühren oder sich dabei zu treffen. Das ist ein echtes Mindestmaß.
Wenn die Tiere stundenlang im Käfig sitzen müssen, "schlafen" ihnen die Muskeln ein, sie müssen die Flügel bewegen, um die Durchblutung anzuregen.
Haben die Vögel keinen täglichen mehrstündigen Freiflug, müssen sie in einer Flugvoliere gehalten werden, die mindestens 2 Meter lang ist. Solche Volieren kosten ab 700 DM. Das muß man sich vorher gut überlegen. Hat man dagegen ein Zimmer zur Verfügung, in dem die Vögel den ganzen Tag Freiflug haben können und wo nichts drinsteht, was ihnen "zum Opfer" fiele und für sie auch keine Gefahr besteht, spielt die Käfiggröße eine eher untergeordnete Rolle.
Wann würde ich aber den Kauf eines Vogelpärchens für eine 7jährige befürworten? Wenn Du selbst Interesse an Vögeln hast und Dir immer schon einmal solche Haustiere zulegen wolltest (es Dich also nicht stören würde, wenn das Kind sich nach 14 Tagen nicht mehr dafür interessiert), dann ist es keine Frage, dann kannst Du wenig falsch machen, sofern Du Dir über die Bedürfnisse der Tiere im klaren bist. Es kann für das Kind lehrreich sein, wenn es in die Pflege einbezogen wird, wenn es auf der Suche nach Wildkräutern und -samen für die Vögel, die man ihnen nicht vorenthalten sollte, die Natur kennenlernt, wenn es mit Dir Äste schneiden geht und Spielzeug für die Vögel bastelt, wenn es die beiden mit Dir beobachtet und einiges über das Verhalten lernt. Dann kann das Tier etwas sein, über das es Verantwortung zu tragen lernt, allein wird es damit aber keinesfalls fertig und die Vögel sind die Leidtragenden und Du sicher die Genervte, an der alles hängenbleibt.
Das Interesse, sich Wissen über das Tier anzulesen und diese niedergeschriebenen Erfahrungen bei dem Tier nachprüfen zu können und zu erweitern, muß sich erst einmal ausbilden. Für eine 7jährige ist das sicherlich noch viel zu langweilig.
Da ist eine Katze sicherlich ein praktischeres Haustier, denn sie läßt sich oft bereitwillig kraulen, braucht keine ständige Zuwendung (besonders, wenn sie zu zweit gehalten werden, weil sie sich dann viel gegenseitig beschäftigen, dann quengeln sie auch nicht) und es ist mit der Fütterung aus der Dose, frischem Wasser und einem gereinigten Katzenklo an Pflege getan. (gut, Langhaarkatzen müssen gebürstet werden)
Eine Katze kann leicht zum Spielen animiert werden, sie ist immer da, wenn das Kind gerade mal etwas zum Knuddeln braucht (wenn sie es dann gerade nicht mag, wird sie flüchten).
Ein Hund ist ebenfalls sehr gesellig, eigentlich noch anhänglicher als die Katze, muß aber regelmäßig Gassi gehen und braucht eine gute Erziehung. Außerdem kann das Bellen ein Problem werden.
Ein Hund darf auch nicht längere Zeit allein gelassen werden.
Jedoch der Pflegeaufwand an sich ist recht gering, Futter gibt es in guter Zusammensetzung in Dosen und Tüten. Fellpflege kann nötig sein, je nach Rasse.
Ein Vogel dagegen ist mit dem normalen Sittichfutter, welches es im Supermarkt gibt, nur schlecht bedient. Das Futter ist meist nicht vielfältig genug und entspricht in keiner Form den Saaten, die er in der Natur fressen würde. Diese 1000 Knabberstangen und Zuckerkringel machen ihn auf Dauer krank. Die Kalksteine enthalten oft wirklich nur Kalk, eine vernünftige Mineralienversorgung gewährleisten manche Knabbersteine aus dem Spezialhandel, dort bekommt man auch besseres Futter. Zur guten Verdauung benötigt der Vogel Magensteinchen in der richtigen Größe, dies wird oft gar nicht berücksichtigt - Vogelsand ist ein schlechter Ersatz.
Die Futternäpfe und ganz besonders die Wassernäpfe müssen besonders gründlich und regelmäßig gereinigt werden. Vögel sind in Gefangenschaft besonders anfällig für Infektionen, weil ihr Immunsystem durch die für ihren Organismus nicht optimalen Bedingungen nicht so leistungsfähig ist wie in der Natur. Bei den Australiern wie Nymphen und Wellis mag das Krankheitsrisiko noch geringer, da sie nicht das große Problem mit der fehlenden Luftfeuchtigkeit haben wie viele andere Papageien, deren Lunge daher ständig leicht gereizt ist und deshalb schnell Infektionen davonträgt. Doch auch Nymphen sind für ihre Vorliebe für Sonnenblumenkerne, die man ihnen besser vorenthalten oder wenigstens rationieren sollte, bereits gefährdet, an Aspergillose zu erkranken.
Die Pflegeansprüche sind also nicht so gering, wie man vielfach glaubt. Schließlich soll der Vogel ein hohes Alter bei bester Gesundheit erreicht und nicht nach wenigen Jahren oder in Krankheit sterben. Nymphen werden immerhin gut 20 Jahre alt, ja, ich habe bereits von mehr als 30 Jahre alten Nymphen gehört. Das sind sicherlich Ausnahmen, aber wenn der Vogel mit 10 Jahren stirbt, sind in den meisten Fällen doch die Bedingungen nicht gerade optimal gewesen.
Also, dies sollte es zunächst gewesen sein, damit Du Dir ein Bild machen kannst, was im Falle des Falles auf Dich zukommt und Du eine objektivere Entscheidung treffen kannst.
Wenn Du noch Fragen hast, melde Dich ruhig noch einmal.
Gruß, Silke.