Re: Mönchssittich
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 30. Dezember 1999 14:03:36:
Als Antwort auf: Mönchssittich geschrieben von Timo König am 25. Dezember 1999 00:18:36:
Lieber Timo,
in solchen Momenten überlege ich eigentlich: soll ich darauf etwas schreiben, soll ich es ignorieren oder soll ich versuchen, besonders einfühlsam zu sein oder lieber streng, ich weiß es manchmal wirklich nicht...
Du erzählst, daß Du den Vogel aus "tierwidrigen" Verhältnissen übernommen hast, gleichzeitig erzählst Du stolz von Deinem Wellensittich-Einzelvogel, der - natürlich - superzahm ist und möchtest gern Tips, wie Du den Mönchssittich auch noch zähmen kannst. Da stellen sich mir doch brennende Fragen...
Wenn Dir die natürlichen Bedürfnisse wichtiger als Dein persönliches (Dressur-)Interesse an den Vögeln wären, würdest Du keinen Papageien (egal, ob Wellensittich oder Mönchssittich) einzeln halten. Dir wäre klar, daß eine Einzelhaltung in jedem Fall tierquälerisch wäre und es allein auf den (Über-)Lebensdrang des Tieres ankäme, ob er sich mit dieser Situation abfinden kann oder nicht.
Ich kann die Bedingungen, aus denen der Mönchssittich kam, nicht beurteilen, aber wenn er anschließend sein restliches Leben als Einzelvogel bei Dir fristen soll, ist er vom Regen in die Traufe geraten. Weder Du noch der Wellensittich können ihm den Artgenossen nicht ersetzen. Außerdem muß man anmerken, daß der Vogel, wenn er bereits zuvor allein gehalten worden ist und trotzdem nicht zahm wurde, sich charakterlich gar nicht zur absoluten Zähmung eignet, also immer etwas scheu bleiben wird und deshalb die Einzelhaltung aus diesem Grunde völlig fruchtlos sein wird. Was Du dem Vogel damit psychisch antust, sei hier mal ganz ausgeklammert...
Ich weiß, was Du jetzt denkst. Du wirst wütend sein und Dir vorhalten, daß ja Dein Wellensittich auch immer zufrieden und lustig ist, obwohl er allein ist. Dazu kann ich nur sagen, Du solltest einmal eine kleine Kamera installieren und ihn beobachten, wenn er für längere Zeit allein ist, Du wirst Dich wundern. Einzelvögel sind, wenn sie allein bleiben müssen, entweder melancholisch bis apathisch oder rufen und schreien ununterbrochen nach ihrem "Partner". Natürlich freuen sie sich wie ein Schneekönig, wenn das Herrchen dann wieder zu Hause ist.
Aber selbst ein Rentner, der ständig zu Hause ist, wird nicht in jedem Falle seinen Vogel glücklich machen können. Schließlich gibt es da noch die allesbewegende Kraft, die die Evolution vorantreibt: der Fortpflanzungstrieb. Und der kann so stark sein, daß er den Vogel foltert und zerstört und ihn geistig verkrüppelt. So werden friedliche Seelen zu aggressiven "Monstern", fröhliche Vögel zu apathischen Dauerlegern. Sicherlich, nicht alle zeigen ihre Unausgeglichenheit in diesem, nicht zu übersehenden Maße, aber richtig vollkommen ist ein Einzelvogelleben nie.
Und in dem Moment, wo ich über den Vogel bestimme und es ihm zuteile, daß er allein bleiben soll, trage ich seine Haut zu Markte, denn ich nehme in Kauf, daß er zu den Vögeln gehören könnte, die entweder aggressiv oder melancholisch werden und sich ggf. selbst zerstören. Nun könnte man sagen, nun, wenn er anfängt zu rupfen, kaufe ich ihm einen Partner. Aber so einfach ist das nicht. Erstens ist das Rupfen dann oft bereits zu einer Sache geworden, die sich längst verselbständigt hat. Der Vogel hat aus Frust und Unterbeschäftigung zu rupfen begonnen und führt diese mit Inbrunst vollzogene Beschäftigung auch mit Partner fort. Zweitens haben diese einsamen Vögel bereits einen großen Teil ihres Repertoires, was das Sozialverhalten angeht, abgelegt und benehmen sich somit auch für Artgenossen schon "verhaltensgestört". Im Schwarm werden sie wie Geisteskranke behandelt, bei einem einzelnen Partner fügen sich die beiden Paareshälften oft mehr schlecht als recht zusammen. Manchmal - besonders bei größeren Sittichen und Papageien - wissen sie zwar, was sie an ihrem Menschenpartner vermissen, suchen es aber fortwährend bei ihm, so daß die Henne dann nur als Eindringling betrachtet wird und die Hähne zunächst oft damit beschäftigt sind, sie möglichst schnell umzubringen.
Hat ein Vogel aber erst einmal zu rupfen angefangen, muß man leider auch befürchten, daß er nicht nach den Federn halt macht. Viele Rupfer werden über kurz oder lang zu Kannibalen, die sich erst Federn, dann Haut, dann Fleisch und dann noch die Knochen anfressen. In diesem Zustand gibt es nur eine Lösung, die Euthanasie. Für dieses Dressurergebnis braucht man allerdings niemanden zu beglückwünschen. Aber meistens sind die Vögel, nachdem sie erst einmal wie ein Brathuhn aussahen und unappetitliche Wunden auf der Brust trugen, bereits in die nächsten Hände gegangen.
Ich weiß nicht, ob ich es gutfinden oder darüber traurig sein sollte, daß gerade der Papageienvogel Nummer 1 in unseren Haushalten, der Wellensittich, dieses Verhalten sehr selten zeigt. Deshalb sieht man auch so oft dieses "angenehme" Bild eines munteren, superzahmen Vogels, weil er charakterlich eigentlich ein so ausgeglichener Vogel ist. Selbst, wenn er aggressiv würde, daß er sein Spielzeug malträtiert, geht das uns nur halb so nahe, als wenn ein hellroter Ara uns partout in den Hals beißen wollen würde. Da erschrecken wir schon eher. Das Bild des prügelnden Wellensittichs hinterläßt nur ein bißchen Wehmut, wenn überhaupt.
Umgedreht, hätten auch Wellensittiche ähnlich oft diese schwerwiegenden optischen Probleme, über die kein Vogelhalter hinwegsehen kann, gäbe es vielleicht weniger Einzelvögel... wer weiß.
Ich weiß nicht, ob es etwas genützt hat, daß ich mich nun doch zu diesem Beitrag hinreißen ließ. Vielleicht, weil ich es - obwohl es manchmal für meinen inneren Seelenfrieden besser wäre - nicht ignorieren kann.
Das Schlimme daran ist, daß ich den Sinn des ganzen nicht verstehe. Wozu muß denn unbedingt jeder Vogel, den ich habe, auf mich fixiert sein? Jeder Vogelhalter, der bestrebt ist, sein Tier möglichst menschenbezogen zu halten, bringt sich doch selbst um das Erlebnis, an einem natürlichen Artverhalten teil haben zu dürfen, Beobachter zu sein und den liebenswürdigen Charakter (oder auch nicht...:-))seiner Tiere zu entdecken, den tiefen Mutterinstinkt der Hennen, den Beschützertrieb und die Fürsorglichkeit der Hähne, die arglose Neugier der Jungen - sofern die Alten brüten und dürfen - und ihre ersten Schritte, den ersten Ausflug, das Lernen von Mutter und Vater und ihre Eingliederung in ihren Schwarm, ihre Familie sozusagen.
Wer das nicht erlebt hat, hat wirklich etwas ganz Besonderes verpaßt.
Dagegen ist doch das Bild eines Papageien, der aufgrund seiner natürlichen Intelligenz in der Lage ist, sich dem Menschen, einem völlig artfremden "Tier" anzupassen und um Aufnahme in seine "Gruppe" zu betteln, wie ein Bild des Jammers an. Ich bekomme da kein Lächeln über die Lippen, tut mir ehrlich leid...:o(
Etwas anderes ist es, wenn eine Gruppe von Papageien den Menschen als seine Umwelt erkennt und mit Neugier erkundet. Diese Vögel können auch sehr zutraulich sein, verhalten sich dabei aber ganz anders. Und irgendwie bewahren sie sich ihre Würde dabei. Was man von den Weibchen, die sich in ihrer Verzweiflung sogar dem Menschen zur Paarung anbieten (ist z. T. echt der Fall!), oder jenen Hähnen, die sich an Spielzeug und Sofaknuddeln bis zur Erlösung rubbeln oder die ihr Spielzeug verhauen oder jene Hennen, die ihr unbefruchtetes Ei auf dem Käfigboden bebrüten, völlig entgegen ihrer inneren Stimme, die da sagt, daß sie in einem dunklen Versteck sitzen sollten, wo sie nicht von allen Eindringlingen belauert werden kann, nicht sagen kann...
Gruß, Silke.