Re: Zahm
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 30. November 2000 08:56:33:
Als Antwort auf: Zahm geschrieben von Karl am 29. November 2000 19:02:54:
Lieber Karl,
natürlich kann man einen zahmen Vogel sehr verschrecken, wenn man eine Hetzjagd auf ihn veranstaltet und ihn damit in Panik versetzt, ohne daß er eigentlich den Grund dafür begreift. Er versteht dann die WElt nicht mehr und ist völlig verunsichert.
Manchmal ist es aber unumgänglich, ihn auch gegen seinen Willen einzufangen und festzusetzen. Um das Vertrauen nicht zu verlieren, kann ich deshalb nur raten: Erstens einen kleinen, regulären Transportkäfig zu kaufen und zweitens einen sehr großen Kescher mit ausreichend langem Stiel.
Der Transportkäfig ist meist sehr klein, weiß und ohne jede Sitzstange. Er sieht fast aus wie ein größeres vergittertes Badehäuschen. Mit diesem kleinen Bauer assoziiert kein Vogel seinen normalen großen Käfig. Er sollte also nach einem stressigen Arztbesuch keine Angst vor seinem eigenen Käfig haben.
Mit dem Kescher vermeidet man erstens lange Hetzjagden, denn wenn der Vogel irgendwo ruhig sitzt, erwischt man ihn sofort, wenn man beherzt zukeschert. Dabei muß man sich immer vergegenwärtigen, daß man dem Tier nicht wehtut, selbst wenn ihn mal der Bügel dabei trifft. Dieser ist dünn und aus sehr flexiblen Draht, er hält nur das Netz auf und federt aber sonst zurück, wenn er auf Widerstand trifft. Es macht also auch keinen Sinn, das Tier damit in unzugänglichen Ecken einkeschern zu wollen, der Kescher kommt also gar nicht bis ran...
Also, nicht so zaghaft, sondern schnapp, dann sitzt der Vogel im Netz, bevor er überhaupt weiß, was hier los ist. Dann sollte man, wenn man ihn nur in den Transportkäfig umquartieren will, nicht in den Kescher greifen, sondern erst den Kescher zuklappen und zuhalten und den Vogel schließlich dadurch in den Käfig krabbeln lassen, daß man die Öffnung vor die Einstiegsluke hält und das Netz strafft, dann krabbelt er selbst in den Käfig.
Damit muß man ihn nicht ein einziges Mal greifen und der Vogel ängstigt sich auch fortan nicht vor den Händen. Ganz sicherlich wird er den Kescher fortan nicht mögen und schneller flüchten, aber da muß man eben schnell und beherzt vorgehen, um ihn auch ein drittes, viertes und wievieltes Mal einzukeschern.
Passiert dies nicht nahezu täglich, vergißt der Vogel alles wieder. Passiert es aus Krankheitsgründen eben regelmäßig, kann es sein, daß der Vogel beim Anblick des Keschers freiwillig den Käfig aufsucht. Der Keschertrick ist nämlich auch eine sehr gute Dressurmethode, um sehr scheue Vögel ohne großen Aufwand in den Käfig zu bringen. Es gibt einige Leute, die sagen, daß sie - nachdem sie die Vögel erst mal einige Tage einfangen mußten - diese beim Anblick des Keschers sofort in den Käfig stiegen... Funktioniert freilich nur, wenn sie dann dort unbehelligt sind und sich dort sicher fühlen...
GEnau wie Hunde und Katzen mögen auch Vögel selten Tierärzte. Das kommt freilich immer darauf an, ob sie eben oft hinmußten und ob sie eben auch entsprechend unangenehme Behandlungen hinter sich haben. Aber ähnlich wie das Kind, das Angst vorm Arzt hat, akklimatisieren sie sich zu Haus recht schnell wieder, wenn sie in ihrer gewohnten Umgebung sind und eine kleine Leckerei, wie z. B. Vogelmiere, tut das übrige.
Wenn ein Vogel sehr aufgeregt ist beim Transport und die Flügel abspreizt und hechelt, sollte man anhalten und erst einmal einige Minuten beruhigen. Wenn man schon beim Arzt ist, sollte man diesen kurz informieren, so daß der Vogel lieber noch ein bißchen verschnaufen kann, bevor er zur Untersuchung herangenommen wird. Der Arzt wird auch entsprechend behutsamer herangehen, wenn er weiß, daß der Vogel sich ungewöhnlich schnell und stark aufregt.
Der zweite Punkt ist, ich würde auf jeden Fall einen Vogelarzt vorziehen, nicht nur wegen der zweifellos größeren Kompetenz, sondern eben auch deshalb, weil er viel routinierter und schneller arbeitet und deshalb weniger Streß beim Vogel aufkommt. Ein Kropfabstrich kann in einer Viertelminute oder in 5 Minuten vergessen sein. Bei ersterem kommt der Vogel nur kurz dazu zu strampeln und zu meckern, beim zweiten wird er nervös und wirklich wehleidig.
Wenn man einen Arztbesuch möglichst gut vorbereitet, ist alles nur halb so schlimm und der Vogel hat es schnell alles wieder vergessen.
PS: Mit Partner regt sich ein Tier oft gar nicht erst so sehr auf, weil sich beide gegenseitig trösten, jedenfalls auf dem Transport.
Gruß, Silke.