Re: Suche Trost: Mein Nymphe stirbt
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 28. November 2000 08:49:21:
Als Antwort auf: Suche Trost: Mein Nymphe stirbt geschrieben von Helena am 26. November 2000 15:34:45:
Liebe Helena,
machmal denke ich, wenn die kältere Jahreszeit kommt und die Tage kurz sind, verlieren auch die kranken Vögel die Lebenslust und hören auf zu kämpfen. Es ist sonderbar, aber viele Tumortode ereignen sich im Spätherbst und Winter.
Ein Tumor ist eine furchtbare Diagnose und es ist eine furchtbare Krankheit. Seelisch leiden wir Vogelhalter mehr als das Tier, das muß aber die körperlichen Beschwerden ertragen.
Insgesamt mußt Du nicht traurig sein und vor allem, solltest Du nicht hilflos sein, denn der Vogel braucht Dich noch und er braucht vor allem Deine Hilfe. Wir Menschen leiden gern mit und hoffen und wünschen und wollen immer nur eins: retten. Doch es gibt Sachen, wo nichts zu retten ist, wo der Tod am Ende des langen Weges steht: so oder so.
Einen Tumor zu operieren ist eine recht aussichtslose und anstrengende und schmerzvolle Angelegenheit. Die Probleme sind vielfältig: Erstens wird er gewöhnlich erst erkannt, wenn er eine bestimmte Größe erreicht hat und den Vogel bereits geschwächt hat. Zweitens befällt er nahezu immer lebenswichtige Organe, die man nicht einfach wegschneiden kann. Drittens kann man kranke Gewebereste nicht wie bei der Humanmedizin durch Bestrahlung abtöten oder den Tumor gar durch Chemotherapie angreifen.
Das Narkoserisiko ist sehr hoch, die Chancen, daß der Vogel sich nach einer erfolgreichen Operation, die selbst selten genug sein dürfte, wieder erholt, stehen selten günstig und schließlich bleibt noch das Risiko, daß der Tumor einfach wieder nachwächst und alles umsonst war. Für den Vogel, der ja nicht versteht, ob er nun zu früh oder später stirbt, eine sinnlose Tortur, in der er noch das Vertrauen zum Menschen verliert und Schmerzen ertragen muß, von denen er nicht weiß, warum. Er kann nicht verstehen, daß man ihm damit helfen will. Und wer weiß, wofür er sich entscheiden würde, wenn er es verstehen könnte und die Wahl hätte.
Es gibt allerdings Ausnahmen: Gut operabel sind Fettgeschwüre und natürlich Zysten, die ja keine Tumore sind, sondern mit Flüssigkeit gefülltes Gewebe.
Fettgeschwüre erkennt der Vogelarzt zielsicher. Zysten durch Röntgen von Tumoren zu unterscheiden, dürfte fast nicht möglich sein. Ich denke, da muß ein erfahrener Arzt abwägen: Überstünde der Vogel seines Erachtens die Operation und käme eine Zyste in Frage, so daß man auf gut Glück alles auf eine Karte setzt und operiert, allerdings mit der Konsequenz, den Vogel, wenn es dann doch ein entsprechender Tumor ist, noch in Narkose zu töten. Es wäre Quälerei, ihn einfach wieder zuzunähen und langsam eingehen zu lassen...
In den meisten Fällen entscheiden sich die Ärzte aber gegen eine solche Operation und der Vogelhalter muß sich damit abfinden, daß das Leben seines Schützlings vielleicht nur noch einige Monate andauert. In dieser Phase bist Du jetzt und unendlich traurig. Ich kann es verstehen, aber trotzdem ist dies nicht der Zeitpunkt, sich gehen zu lassen, denn nun liegt es an Dir, ob der Vogel rechtzeitig erlöst wird und Du seinen Krankheitsverlauf richtig beobachtest und einschätzt oder ob er verdeckt lange leidet, bis es endlich auch dem hoffnungsvollsten Besitzer klar wird, daß der Vogel nur noch stirbt.
Ein Tumortod ist meist ein sehr schrecklicher, beschwerlicher Tod. Es liegt an Dir, zu verhindern, daß der Vogel dies erleiden muß. Das ist der letzte, aber vielleicht auch der größte Liebesbeweis, den Du ihm erbringen kannst, denn er erfordert auch von Dir sehr viel: Nervenstärke und die Bereitschaft, die Dinge aus der Perspektive Deines Vogels zu sehen.
Tumore im Bauchraum wachsen manchmal recht schnell und im Gegensatz zum Menschen, der ein Bauchfell besitzt, was Herz und Atmungsorgane von den Verdauungsorganen trennt, hat der Vogel dies nicht. Tumore im Oberbauch drücken deshalb schnell auf die Lunge und Herz und verschieben die Organe in die letzten Lücken. Im Unterbauch, also z. B. bei Nierentumoren oder Eierstocktumoren, verdrängen die Geschwulste die Darmschlingen und beeinträchtigen die Verdauung und stauen den Kot. Nierentumore können auch Nervenfasern abquetschen und damit Beine lähmen.
Ein Vogel lebt länger mit diesen unglaublichen Beschwerden und er scheint dabei in den Augen des Menschen sogar relativ beschwerdefrei. Dabei ist diese vorgespielte Unbekümmertheit Teil des Instinktes, Schwächen niemals erkennen zu lassen. So setzen sich auch Vögel, die wegen des Tumors im Bauchraum längst kein Futter mehr verdauen können und eigentlich verhungern, zu den anderen an den Futternapf und stöbern emsig in dem Napf herum, enthülsten auch Körner, aber lassen sie oftmals direkt wieder aus dem Schnabel fallen oder würgen sie später, also Minuten nach dem Fressen wieder aus.
Da der Vogel, auch wenn er im Sterben liegt, immer noch eine wenige Aktivphasen hat, wo ein mitfühlender Mensch meinen könnte, es ginge ihm besser, darf man sich nicht davon verleiten lassen. Wer nicht unsicher sein will in seiner Entscheidung, wann man das Tier besser einschläfern läßt, sollte regelmäßig den Ernährungszustand des Tieres kontrollieren (Achtung, wiegen nützt nichts, denn auch der ausbreitende Tumor hat ein Eigengewicht. Hier muß der Brustbeintest gemacht werden, also die Brust vorsichtig abgetastet werden. Ist das Brustbein gut, aber nicht scharfkantig fühlbar, die Muskulatur neben dem Grat links und rechts kräftig, dann ist der Vogel in einem guten Ernährungszustand. Ist das Brustbein nicht oder nur auf deutlichem Druck fühlbar und eine schwammige Masse auf der Brustmuskulatur, ist der Vogel verfettet. Ist das Brustbein scharfkantig fühlbar und die Muskulatur verkümmert, ist der Vogel stark unterernährt.)
Würgen nach dem Fressen sollte den Halter unbedingt stutzig machen. Auch wenn der Vogel wenig Kot absetzt oder dies unter starkem Pressen tut.
Spätestens, wenn der Vogel den anderen nicht mehr folgen kann, selten oder gar nicht mehr fliegt und auffällig viel schläft, sollte man ihn erlösen, dann hat er keine Freude mehr an seinem Leben.
Es gab leider in der letzten Zeit einige Todesfälle durch Tumore. Dazu gab es sicherlich auch für Dich sehr interessante Beiträge. Vielleicht liest Du sie mal durch, ich denke, daß sie hilfreich sein können.
Der kleine Blaue ist ziemlich krank - Martin 31.10.2000 17:08 (15)
Ich denke, daß es ein Trost sein kann, von anderen Betroffenen zu lesen und zu sehen, wie sie damit umgegangen sind. Es ist sicher auch ein Trost zu wissen, daß man dem Vogel ein letztes Mal geholfen hat. Diese Chance sollte man nicht verpassen...
Ich wünsche Dir viel Mut und Kraft, diese schwere Zeit durchzustehen. Sei nicht traurig und denke an die schönen Zeiten, die ihr miteinander gehabt habt. Es ist für einen Vogel nicht schlimm, nach einer schönen Zeit sanft zu sterben. Es ist ganz bestimmt aber furchtbar, elend einzugehen, egal, wie lange man vorher gelebt hat.
Liebe Grüße,
Silke.