Re: Nymphensittich-Jungvögel
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 18. Juni 1999 at 12:30:00:
Als Antwort auf: Re: Nymphensittich-Jungvögel geschrieben von Anke am 17. Juni 1999 at 11:09:34:
>>Hallo, meine Nymphensittiche haben ein Junges, das mittlerweile drei Wochen alt ist, aber noch nicht sitzen kann.
Ich vermute, das Junge hat überbewegliche Kniegelenke, was gar nicht so selten vorkommt, aber nicht immer beide Seiten betrifft.
Sitzen lernen die Kleinen bereits nach wenigen Tagen, das direkte seitliche Abspreizen der Beine ist in jedem Fall unnormal.
Ursache kann manchmal sein, daß ein Altvogel - z. B., wenn der Nistkasten zu klein ist - das Junge im zarten Alter versehentlich getreten hat (Deformation der Gelenke) oder auch Mangelerscheinungen...
Nach drei Wochen kann man daran nicht viel tun, da die Gelenke bereits entwickelt sind, bei Laufvögeln gibt es wohl - wenn man rechtzeitig behandelt - eine Methode, die Küken im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine zu bekommen.
Dein Junges wird aber mit seiner Behinderung leben müssen, doch tröste Dich, es funktioniert. Ich habe selbst zwei in dieser Form behinderte Vögel, wobei eines zwei gespreizte Beine hat, der andere eines.
Laufen wird der Kleine nie lernen, damit mußt Du Dich abfinden, wichtig ist, daß er sein Flugvermögen und seine Klettertechnik entwickelt und verfeinert. Außerdem gibt es Dinge, ihm das Schlafen, Fressen usw. zu erleichtern.
Ich habe es damals so gehalten, daß ich das flügge Junge, welches auch gut fliegen, aber überhaupt nicht landen konnte (Verletzungsgefahr!), in einen großen Käfig gesetzt habe, dessen Querstreben ich durch einen zusätzlich eingezogenen Draht verengt habe, also zusätzliche Gitterkreuze geschaffen habe. (das war aber ein Welli, ein Nymphie ist etwas größer und dürfte deshalb leichter die Stangen greifen können)
Ich habe gesehen, daß der am Boden liegende Vogel bereits nach wenigen Stunden seine ersten Kletterversuche machte, die auch von Tag zu Tag besser wurden. Bereits nach ca. 1 Woche flatterte er von einer Käfigseite zur anderen und griff zielsicher zum Landen in das Gitter.
Ich setzte ihn dann zunächst in die große Voliere zurück, wo er auch etwas fliegen, aber nicht - wie im Zimmer - vor Wänden usw. auf alle möglichen harten Gegenstände stürzen konnte. Er lernte auch immer besser, am Gitter krallend zu laden und überhaupt zu klettern.
Er kann direkt neben dem Seitengitter hängende Schaukeln erreichen und sich daraufhieven und festkrallen, jedoch schläft er auch gern mal auf einem Brettchen oder zusammengesteckten Zweigen (hängemattenähnlich).
Er hat natürlich auch im Laufe der Zeit gelernt, wo er landen kann und seine anfänglichen Bauchklatscher wurden mit der Zeit eleganter und nun fängt er sich schon lautlos ab. Ich fürchtete zu Beginn, er könnte sich empfindlich das Brustbein prellen, doch er hat es gut gemeistert.
Er lernte im Laufe der Jahre immer erstaunlichere Kunststückchen - so ist es ihm heute nicht unmöglich, auf einem waagerechten Ast zu landen und - bäuchlings darauf liegend - das Gleichgewicht zu halten. Mittunter schafft er es auch, bei der Landung mit einem Füßchen den Ast zu umklammern und sich seitlich auf dem Fuß sitzend, das andere Beinchen in die Höhe gestreckt wie ein Paddel, sein Gewicht auszubalancieren. Er ahmt eigentlich nur die Verhaltensweisen seiner Schwarmgeschwister nach und übt so lange, bis er etwas Vergleichbares geschafft hat.
Es gibt nur wenige Gefahrenquellen, auf die man zusätzlich achten sollte... Da wären enge Astgabelungen, in denen der Kopf des Vogels hängenbleiben könnte, wenn er einmal abrutscht, da sind hohe Vasen und schmale Kisten, in die er neugierig hineinkrabbeln könnte, aber nicht herauskommt, weil er darin nicht seine Schwingen ausbreiten kann, um aufzufliegen...
Ansonsten erreicht er so ziemlich alles, was seine gesunden Kollegen auch erreichen.
Eine Zeitlang gab es nur dauerd Ärger, weil einige unverpaarte Männchen den liegenden Vogel offensichtlich mit einem paarungsbereiten Weibchen verwechselt hatten. Die Assoziation war wohl zu berückend. Jedenfalls stiegen sie oft auf und bedrängten den Vogel, bevor er flüchten konnte. Heftiges Geschrei hat mich immer darauf aufmerksam gemacht. Mittlerweile ist er selbst vorsichtiger geworden, er dreht niemandem mehr so schnell die Schwanzfedern zu. Aber, er hat auch so seine Plätze, wo sich niemand mehr so von hinten anschleichen kann...
Ich denke, mein Quasimodo hat es gut gemeistert und führt heute ein zufriedenes Leben mit seinem Handicap. Sicherlich kostete es mir einige Nerven, sich immer verstärkt um den Vogel kümmern zu müssen, bis er ganz selbständig war, aber es hat sich gelohnt, was auch alle, die ihn bislang gesehen haben, bestätigen können.
Die erste Reaktion ist immer dieselbe: Kann der Vogel denn auch fliegen? Aber, sobald der Kleine sich bewegt und herumtollt mit den anderen, sind die Bedenken verflogen.
Ich habe bestimmt 6 Mal oder noch öfter den festen Entschluß gehabt, ihn einschläfern zu lassen, aber er hat mir immer wieder seinen festen Lebenswillen und sein Talent bewiesen. Heute bereue ich meine Entscheidung nicht.
Ich kann Dir aber eine Empfehlung geben, such Dir für ihn, denn die Überbeweglichkeit der Gelenke solltest Du schon von einem Vogelspezialisten bestätigen lassen, der kann das beim Abtasten und BEwegen gleich feststellen, einen wirklichen Vogelarzt. Ein normaler Kleintierarzt ist dabei völlig überfordert, ich weiß, wovon ich rede.
Als die beiden Küken jung waren, hatte ich selber noch keine Spezialistin und war auf die Doktorei eines Kleintierarztes angewiesen, die mich um einiges ärmer, die Vögel um einiges gestreßter, aber natürlich nicht gesünder gemacht hat. Er hat damals versucht, den Kleinen unbetäubt(!) zu röntgen, was nicht nur eine mächtige Pleite, sondern ein furchtbarer Streß für den Vogel war, und hat mir hanebüchende Diagnosen offenbart, den Vogel bis zur Unbeweglichkeit bandagiert (die Bandagen habe ich aus Mitleid dann selbst wieder entfernt (es hat aber auch bei dem einbeinig behinderten Vogel, dessen Verband ich lange drumließ, weil er weniger Probleme damit hatte, nichts genützt, wie auch?) und Kalkpräparate verschrieben, "damit das Gelenk steif würde", was nicht nur völlig unrealistisch, sondern auch ebenso hanebüchend ist, weil ein Vogel mit steifen Kniegelenken genauso wenig laufen kann....
Aber naja, 1 Jahr später hatte ich endlich meine Ärztin ausfindig gemacht, zu der ich heute auch noch gehe (vornehmlich mit anderen kranken Vögeln, mein Quasimodo hat bis auf diese Geschichte noch nie eine Erkrankung gehabt) und die mich gleich auf diese Sache angesprochen hat, nicht ohne meine Bedenken zu zerstreuen und mich zu trösten, daß auch einer ihrer Papageien ein solches Gelenk hat und damit seit Jahren problemlos lebt.
Also, Kopf hoch, die Vögel können manchmal besser mit diesen Behinderungen zurechtkommen als wir Menschen. Geben wir ihnen die Chance, ihre Hauptfortbewegungsmöglichkeit, nämlich das Fliegen so zu perfektionieren, daß sie kletternd und fliegend jeden Ort erreichen, zu dem sie sonst getrippelt wären...
>Statt dessen liegt es mit weit nach außen gespreizten Beinen auf dem Boden und rudert mit den Flügeln.
Dann wird er bald ausfliegen... Paß auf, daß er sich nicht bei seinen ersten Flugmanövern verletzt...
Gruß, Silke.