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Re: Hilfe - Wohin mit dem Welli im Urlaub?


[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ]


Geschrieben von Silke am 13. Juli 2000 09:04:46:

Als Antwort auf: Re: Hilfe - Wohin mit dem Welli im Urlaub? geschrieben von Mario am 12. Juli 2000 12:15:32:

Sorry, ich kann Mario nur beipflichten... Ich habe 8 Wellensittiche. Als es noch 6 waren, hatten sie auch ständigen Freiflug, auch im Urlaub (die Nachbarin hat sich um die Rasselbande gekümmert).

Ob ein Vogel (oder zwei) zahm werden, hängt in erster Linie von der Zuwendung der Besitzer ab. In zweiter Linie freilich überhaupt davon, ob das Tier sehr ängstlich oder von Natur aus arglos ist. Es gibt einige Einzelvögel, die niemals richtig zahm wurden und sich freilich auch niemals annähernd wohlfühlten.

>Daraus ergibt sich eine zweiseitige Freundschaft. D.h., der Halter wird deshalb auch bemüht sein, dem Tier ein angenehmes Leben zu bereiten.

Dann muß er allerdings ein Grundbedürfnis des Vogels achten: arteigene Gesellschaft! Isolation von Seinesgleichen ist für den Vogel, der ein ähnlich ausgeprägtes Sozialverhalten wie wir Menschen pflegt, auch ebenso furchtbar. Es kommt nicht von ungefähr, daß die strengste Form der Haft die Einzelhaft ist, sie ist auch am furchtbarsten für denjenigen selbst. Man braucht nicht an "Robinson Crusoe" zu denken, um nachvollziehen zu können, was den Vogel dazu treibt, sich mit leblosen Dingen zu "unterhalten" oder bei ihnen Aufmerksamkeit zu suchen, so wie es Einzelwellis typischerweise mit Spiegeln, Glocken und Plastespielzeug tun.

Man sollte aber einmal (um mitreden zu können) sich trauen, dem Vogel eine Freude tun und einen Partner besorgen. Man wird nicht enttäuscht sein, denn der Erlebniseffekt ist viel größer, denn erst dann merkt man eigentlich, daß in dem kleinen drolligen Wesen eine echte Persönlichkeit schlummert. Das echte Leben für ihn spielt sich mit Artgenossen ab, die ihn verstehen, die er versteht, die ihm antworten können und so reagieren, wie er es erwartet. Dann ist der Mensch ein lustiger Zeitvertreib. Ich denke, das ist auch für den Menschen fair, denn dann sind die Bedürfnisse von Vogel und Mensch aneinander gleich: ein bißchen Spaß und Spiel. Du kannst nicht verlangen, daß er Dein ständiger Spielkamerad ist und nimmst für Dich selbst in Anspruch, daß Dein eigentliches Leben in Familie und Freundeskreis spielt, dem Vogel aber verweigerst Du das. Der einzige, aber wichtige Grund, die Dinge so auf eine STufe zu stellen und zu vergleichen ist, daß das kleine Kerlchen leider ebenso wie der Mensch Gefühle empfindet. Man glaubt kaum, wie sehr sich so ein kleines Wesen freuen, ärgerlich sein oder verlegen oder aber auch tieftraurig und deprimiert oder einfach zu gelangweilt sein kann. Für einen golden Käfig kann er sich nichts kaufen, für ein Stückchen tägliche Freude und Geborgenheit schon.

Du kannst Dich nicht abends zu dem Kleinen auf die Stange zum Kuscheln setzen - und eigentlich ist das sehr wichtig, abends, wenn es dunkel und unheimlich wird, nicht allein zu sein. Du kannst ihm nicht das Gefieder pflegen, wobei das Putzen nur eines ist, wichtiger fast noch der Zuwendungsfaktor. Wellensittiche sind eigentlich nicht eine Minute am Tag allein und sie werden immer die direkte Nähe ihrer Kameraden suchen.

Er ist jetzt 5 Monate alt. Wenn er als nestjunger Vogel verkauft wurde, dürftest Du ihn also 3 - 4 Monate haben. In dieser Zeit dürfte er entweder sehr zahm geworden sein oder aber ein Hasenfuß sein, der niemals uneingeschränktes Vertrauen zum Menschen fassen wird. Im ersteren Falle hast Du nichts zu befürchten, wenn der Artgenosse kommt - Du gehörst bereits zu seinen Freunden und wirst es immer bleiben (besonders wenn Du weiterhin was Leckeres zum Futtern vorbei bringst). Im zweiten Falle würdest Du dem Vogel eine Menge Streß ersparen und vielleicht Deine Chancen erhöhen, daß er sich sicherer fühlt und vielleicht mit der Zeit mehr Vertrauen zu seiner Umwelt und Dir hat, wenn Du nicht so aufdringlich bist (bei scheuen Vögeln ist weniger oft mehr).

Wie gesagt, es gibt eigentlich überhaupt kein Argument für die Einzelhaltung, nur sehr dünne Gründe: Unwissenheit und eine Spur zu großen Egoismus. Einzelhaltung von Papageien ist kein Kavaliersdelikt, das kommt dem Hunde gleich, der an der Kette gehalten wird. Das Schlimme ist oft nur, daß viele Vogelhalter, die den Vogel einzeln halten, Scheuklappen tragen, sich nicht die MÜhe machen, einmal andere Beispiele direkt in Augenschein zu nehmen, um sich zu überzeugen, daß das Gerede Aberglauben ist und daß sie sich der Folgen ihres Tuns nicht bewußt sind, oft noch nicht einmal, wenn der Vogel daraufhin körperlichen Schaden davongetragen hat.

Natürlich halten wir in der Regel das Tier, um Freude daran zu haben. Warum muß man das Wort Freude aber darin definieren, daß der Vogel wie ein Hündchen Befehle ausführt und nur aufmerksam und aktionsbereit in meiner Nähe sitzt? Warum nehmen wir Leiden und Tod der Vögel in Kauf, nur um jeden Vogel, sei er begabt oder nicht, mit Gewalt sprechen zu lernen - welchen unumstößlichen Nutzen hat das und warum finden wir den Preis, den der Kleine dafür ggf. zahlen muß, nicht ein bißchen hoch für unseren schnellen Spaß? Manchmal hat man große Lust, wenn man (schon wieder) ein gestrandetes Tier aufnimmt, den Besitzer eine Schere in die Hand zu drücken und zu sagen: So, nun schneid mal den Kopf runter! Die Reaktion wäre sicherlich erschrocken und entrüstet. Wie, verrückt geworden oder was? Aber das, was viele Leute tun, ist eigentlich nichts anderes. Nur, daß der Vogel länger und schleichend leidet und man schön dabei die Augen zumachen kann. Ein Tier braucht mehr als Futter und Wasser - es braucht in erster Linie Verständnis. Bin ich bereit, es zu verstehen, werde ich auch nichts tun, was ihm Leid oder Schaden zufügt. Leider machen sich nicht alle Vogelbesitzer die Mühe, die Dinge aus Sicht des Tieres zu sehen, sondern nur so, wie das Tier es seiner Meinung nach notwendig hat. Das hieße, eine Rosenpflanze in Essigwasser gedeihen lassen zu wollen, nur weil einem danach so ist. Gut, bei der Rose merkt man sofort, daß man die Natur nicht immer nach seinem Willen formen kann. Ein Vogel, dem man vorgibt, wie er zu fühlen und zu leben hat, kämpft länger um seine Existenz.

Es ist die Natur, die diesem kleinen Steppenvogel seine Zähigkeit auf den Weg gegeben hat. Durch sein Leben in riesigen Schwärmen ist er besonders friedlich und gesellig. Das macht ihn uns sympathisch. Allerdings halten wir ihn genau anders, als er es von Natur aus bräuchte: Wir füttern ihn bis zum Platzen mit Körnern, obwohl er besser Diät und viel Frischfutter bräuchte, weil sein Körper auf Mangelzeiten eingestellt ist und deshalb zuviel Fett speichert, was ihn auch krank werden läßt. Wir trennen ihn von den Artgenossen, die sein wichtigster Bezug sind. Wir sperren ihn in kleine Käfige und lassen ihn nachmittags mal eine Stunde fliegen, obwohl er während der langen Wanderungen mehr als 50 km täglich mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 100 km/h zurücklegt. Sein Körper und seine Psyche brauchen eines: Artgenossen, eine entsprechende körperliche Beanspruchung durch Flug, rationiertes und ausgewogenes Futter. Darüber hinaus kann jeder seinen Wellensittich nach seiner Facon glücklich machen und eben auch sich selbst. Ob Außenvoliere mit Wärmehaus, ob Dauerfreiflug in der Wohnung oder Vogelzimmer. Ob Sprechübungen oder keine. Ob Wintergarten mit Springbrunnen, dicken Grünpflanzen und "Vogeldekoration" - da bin ich überhaupt gar nicht voreingenommen.

Ein wenig voreingenommen bin ich, was Vögel und Küche angeht, denn da liegen Gefahren für beide Seiten, aber ansonsten lebe jeder mit seinen Tieren, wie er mag.

"Artgerechte Haltung" ist ein verwerflicher Begriff für Wellensittiche.

Was ist verwerflich, wenn ich einem Tier die Bedingungen biete, die er dringend benötigt? Was ist überhaupt an "artgerecht" verwerflich? Verwerflich ist doch nur, daß dieser Begriff, der eigentlich so selbstverständlich sein sollte, daß er gar keinen Namen braucht, deshalb immer wieder im Negativsinne aktuell ist, weil sich so viele Leute nicht um die Bedürfnisse ihrer Tiere scheren...

>>Bisher hat mein Vogel ständigen Freiflug in meiner ganzen Wohnung. Mit einem zweiten Tier wäre das glaube ich nicht möglich, denn dann ist ständige Anwesenheit erforderlich oder man sperrt beide bei Abwesenheit ein.

Und warum sollte das so sein? - Frei nach dem Motto: Ein Kind allein lernt und zwei allein machen nur Unsinn? Das ist aber nun wirklich Nonsens. Erstens sind hier nicht zwei Kinder unterwegs, sondern erwachsene Wellensittiche und außerdem gibt es nichts, was zwei Vögeln zustoßen kann und einem einzelnen nicht. Vorausgesetzt man kalkuliert nicht mit ein, daß der Einzelvogel, wenn er allein ist, ohnhin nur apathisch auf seiner Stange sitzt. Ansonsten müssen im Freiflugbereich der Vögel immer die wichtigsten Gefahrenquellen ausgeräumt sein. Egal ob für einen oder für zwei Sittiche.

Also, nichts für ungut. Manches mag hart klingen, was ich gesagt habe, aber es ist absolut wahr und nicht böse, aber ernst gemeint. Dein Vogel ist noch blutjung, es ist wirklich nicht zu spät, einen dummen Fehler zu umgehen. Mein wichtigster Rat an Dich lautet deshalb: Guck Dir erst mal andere Beispiele an, wo die Leute die Vögel so halten wie Du meinst, daß es nicht geht. Du wirst sehen, wie unbegründet Deine Bedenken sind.

Gruß, Silke.




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