Re: Brauche Rat:Welli-Frau traktiert Welli-Mann
[ Das Sittichfreunde-Forum von Sittiche Online ] Geschrieben von Silke am 09. März 2000 15:57:03:
Als Antwort auf: Brauche Rat:Welli-Frau traktiert Welli-Mann geschrieben von Heike Borgel für Familie Stephan am 09. März 2000 10:37:28:
Liebe Heike,
grundsätzlich kommen mehrere Möglichkeiten in Betracht. Um aber einen zuverlässigen Tip abgeben zu können, muß man mehr darüber wissen.
Vor allem: wie alt oder jung sind die beiden, könnten sie Geschwister sein? Wie groß ist der Käfig und wieviel Freiflug bekommen sie?
Gibt es Anzeichen für Brutlust (dunkel gefärbte Wachshaut bei der Henne, also bräunlich oder rötlich dunkel)?
Wie sahen die Zeichen der Zuneigung zuvor aus? Haben sie sich regelmäßig gekrault und gefüttert?
Wie lange sind die beiden bei Deinen Eltern?
Eine Möglichkeit wäre z. B. (EINE, nicht DIE, dazu müßtest Du bitte noch mehr schreiben), daß die beiden Geschwister waren und nestjung gekauft wurden. Nun, nach einigen Monaten beginnt die Geschlechtsreife oder vielleicht pubertieren sie gerade. Dann prägen sich die Charaktere aus.
Nestgeschwister haben eine natürliche, liebevolle Bindung zueinander, das vermeidet Streß im Nest. Wenn sie erwachsen werden, werden aus den kleinen Küken aber Tiere mit Charakter: Hennen bekommen ihren natürlichen Grad an Dominanz (oder manchmal auch ein bißchen mehr davon), Hähne werden quirliger. Es ist die Zeit der Abnabelung und da gehen eigentlich alle getrennte Wege. (In dem Zustand, wie sie oft vom Züchter verkauft werden, sind sie eigentlich noch gar nicht richtig reif für die Trennung aus dem Schwarm.)
Sind sie aber räumlich so beengt, daß sie sich nicht richtig abnabeln können, kann dies u. U. zu Streit führen. Besonders, wenn die einst so liebe Schwester sich plötzlich als eine kleine Furie zeigt, was ja eigentlich normal ist, denn alle Hennen haben ein gewisses Aggressionspotential, ja treten normalerweise immer dominant auf.
Sie sind diejenigen, die im Wellischwarm sagen, wo's langgeht, nicht die Hähne. Um allen zu zeigen, wer die Hosen anhat, können sie mitunter sogar richtig eklig sein, Futternäpfe besetzen, alle Schaukeln für sich beanspruchen usw. Zwischen Hennen kann es zu kräftigen Streitereien kommen, aber auch das ist völlig normal, denn sie sind echte Konkurrentinnen, nicht die Hähne. SIE besetzen das Nest, SIE streiten um den Hahn, SIE verteidigen in erster Linie das Gelege. Dazu gehört schon eine gewisse natürliche Angriffslust. Natürlich bleiben sie nicht so hochaggressiv, sondern nach der Rüpelphase, die sie im Schwarm nicht so ekzessiv erleben, weil dies eher eine Form von Kraftmessen mit den alteingesessenen Dominas des Schwarms wäre, die ihnen schnell ihren Platz zeigen, werden sie ruhiger und akzeptieren, daß sie nicht die Größten sind.
Die Hähne haben natürlich alle Flügel voll zu tun, die Damen ihres Herzens (das sind in der Regel alle anwesenden, die nicht schon fest vergeben sind..:-)) zu besänftigen und zu Annäherungen zu animieren. Zunächst reagieren die Hennen recht schroff, werden dann aber zugänglicher, bis sich die Paare finden. Nach einer Weile ist von der einstigen Kratzbürstigkeit kaum noch etwas zu merken. Naja, Dominanz bleibt freilich, und wenn es an einem Futternapf eine seltene Leckerei zu holen gibt und sich 10 Wellis darum scharen, werden die Hähne nicht diejenigen sein, die die Nase vorstrecken, es sei denn, sie wollen sich ein paar Hiebe abholen. Ganz fest und lange verpaarte Pärchen sind da friedfertiger, da wird die Henne es meist dulden, daß ihr EIGENER Hahn neben ihr frißt. Maximal wird sie schrill keckern, wenn es ihr nicht paßt oder ihn flüchtig ins Gefieder hacken.
Dann stellt sich wieder das gewohnte Bild ein: gut verpaarte Wellis schmusen nahezu unentwegt und die Hähne sind pausenlos am Kraulen, Posieren, Vorsäuseln usw.
Während der Brutlust werden die Hennen freilich wieder zänkisch, allerdings verfolgen sie dann gezielt die Rivalinnen und so kann eine kleine Ursache dann einen höllischen und zum Teil sogar todernsten Streit verursachen. Und wenn es um Nistkästen geht, fließt auch schon mal Blut.
Das klingt jetzt alles furchtbar brutal, ist aber überall im Tierreich so. Die eigenen Interessen und die des Nachwuchses werden ohne Rücksicht auf (eigene oder fremde) Verluste verteidigt.
Aber gerade, weil eben auch die kleinen Wellis einen höchst eigenen Charakter besitzen, der sich leider erst im Erwachsenwerden richtig ausprägt, wäre es wichtig, sie möglichst lange im Schwarm zu lassen, damit sie eben auch ein gewisses Maß an Erziehung genießen. Viele verhaltensmäßige Auswüchse, wie z. B., daß manche Hähne nicht mehr werben wollen, sondern ein abweisendes Weibchen glatt vergewaltigen wollen oder daß einige Hennen hyperaggressiv reagieren, kann man darauf zurückführen, daß sie eben nicht erfahren haben, wie das Sozialgefüge in einem solchen Wellischwarm nun einmal ist. Ihnen fehlt einfach ein wichtiges Stück arteigene Kommunikation und Rituale.
So, nun bin mächtig ausgeschweift und habe erst einmal einen möglichen Fall erwähnt, es gibt aber auch viele andere Möglichkeiten (Langeweile, räumliche Enge, Brutlust der Henne ohne Brutmöglichkeit und daraus resultierender Frust, den sie mangels anderer Artgenossen am Partner ausläßt usw. usf.). Um die Liste möglichst einzugrenzen, schreibe doch bitte noch ein paar Erläuterungen.
Gruß, Silke.